So ein Nationalpark ist groß und in den letzten Tagen hatten wir effektiv nur den nördlichen Zipfel nahe des Camps erkundet, obwohl noch ein ganzes Stück weiter südlich auch zu der für uns relevanten Gegend gehörte. Wildlife ACT hat im Hluhluwe-iMfolozi-Park zwei Monitoring-Camps, eins im Süden und eins im Norden, in dem wir untergekommen waren. Das nördliche liegt tatsächlich auch recht weit von der Grenze der Parkteile entfernt, die durch eine Schnellstraße gebildet wird, die leider direkt durch den Nationalpark führt. Bisher waren wir nur im recht entlegenen Eck des Parks gewesen, aber das sollte sich heute ändern…
Noch ein paar neue Tiere
Mit solchen Plänen im Hinterkopf ging es natürlich wieder früh los, und um 5 Uhr morgens verließen wir das Camp, gut eingepackt gegen den Fahrtwind und die Kälte der Nacht. Unsere Monitorin hatte uns schon erklärt, dass wir uns auf die Suche nach einem weiteren Löwenrudel machen und dafür in Richtung iMfolozi unterwegs sein würden, daher waren wir aufgeregt, noch mehr neue Sachen sehen zu dürfen.
Wir kamen aber gar nicht so weit, bevor es schon direkt sehr spannend wurde: in der Dunkelheit konnten wir Schemen auf der Straße vor uns ausmachen und es dauerte einen Moment, bis wir sie als Tüpfelhyänen (Spotted Hyena) erkannten. Insgesamt fünf Tiere hatten sich am Straßenrand aufgehalten und liefen nun die Straße vor uns entlang, im Licht der Scheinwerfer vor uns her. Meistens macht man in der Dunkelheit die Scheinwerfer aus und verwendet stattdessen ein Rotlicht, um die Tiere zu sehen, ohne ihren Augen zu schaden, aber da dieser Klan von Hyänen nicht groß zurück schaute, war es in diesem Fall möglich, sie im Licht besser anzuschauen. Ja, ausgewachsene Tüpfelhyänen sind nicht gerade die schönsten Tiere, aber die drei Jungtiere dieser Gruppe gefielen mir trotzdem sehr. Als wir dann auch noch ein Funkhalsband an einem der Hälse entdeckten, gingen wir auch schnell die Frequenzen durch, um die Tiere zu identifizieren und die Sichtung möglichst detailliert zu beschreiben.

So fing der Tag auf jeden Fall gut an, auch wenn die fünf sich dann schon zu bald wieder ins Gebüsch verzogen, bevor wir daraufhin an einem weiteren Breitmaul-Nashorn vorbeikamen, das gemütlich am Rand der Straße im Gras lag. Wenig später durften wir dann auch die hübschen Farben des Sonnenaufgangs genießen und bald sahen wir mehr von unserer Umgebung. An einer der kleineren Brücken saß ein heimatlich anmutender Graureiher (Grey Heron) und etwas später konnten wir auch noch einen Kinnfleck-Batis (Chinspot Batis) bewundern.
Besonders putzig wurde es dann, als wir beim Blick in das Tal ein paar Giraffen im hohen Gras entdeckten. Erst beobachteten wir nur die erwachsenen Tiere, bis ein Kleines um seine Mama herum durchs Gras hüpfte und stakste. Das war schon besonders zu sehen, wenn auch aus etwas zu großer Entfernung, um es so komplett zu genießen. Als wir dann bei einem anderen Camp ankamen, wurde klar, dass heute einiges im Park los war. Eine ganze Truppe von offiziellen Fahrzeugen, unter anderem auch eins von Wildlife ACT, warteten am Rand des Weges auf ihren Einsatz und in der Ferne war bereits ein Helikopter zu hören. Unsere Monitorin erzählte uns, dass aktuell eine Aktion zum Enthornen der Breitmaul-Nashörner lief, um diese vor der immer schlimmer werdenden Wilderei zu schützen.

(© Sebastian Sperling, 2024)
Wir wollten dabei natürlich nicht stören und fuhren fürs Erste auf einen nahe-gelegenen Berg, um oben am Aussichtspunkt unsere morgendliche Teepause zu machen. In diesem Fall war es aber kein dafür vorgesehener Ort, sodass wir etwas vorsichtiger sein mussten und auch keine bequemen Toiletten zur Verfügung standen – sowas gehört aber bei dieser Art von Reise einfach dazu. Auch war der Ausblick das definitiv wert. Es ist schon spannend, wie nahe die nächsten Dörfer an der Grenze des Nationalparks liegen, und das zeigt auch nochmal sehr beeindruckend, warum das Einbeziehen der lokalen Bevölkerung so wichtig für den Naturschutz ist.
Wie schützt man Nashörner vor Wilderei?
Die Pause bot sich aber auch an, um nochmal genauer über das Enthornungsprojekt zu sprechen. Es ist wirklich dramatisch, wie viele Nashörner durch Wilderei sterben: allein in dem Nationalpark starb im letzten Jahr fast täglich ein Nashorn eines gewaltsamen Todes. Hintergrund dieser Form von Wilderei ist ursprünglich der Aberglaube, dass das Horn in gemahlener Form heilsam ist, was vor allem in Teilen Asiens ein verbreiteter Glaube war. Mittlerweile ist das Horn in diesen Regionen zu einem Statussymbol geworden und wird auch als Aphrodisiakum genutzt. Dadurch haben sich komplette kriminelle Ringe gebildet, die von der Jagd auf das Tier über den illegalen Export bis hin zum Verkauf im Zielland organisiert sind. Es ist fast unglaublich, diesen Aberglauben nachvollziehen zu wollen, da das Horn aus nichts anderem besteht wie ein menschlicher Fingernagel – und für diesen würde auch in geriebener Form niemand auf die Idee kommen, Geld auszugeben…
Leider sind die Auswirkungen dieser Wilderei immens. Gerade bei einer Art, die sich so langsam entwickelt wie ein Nashorn, wo die Aufzucht eines Jungen mehrere Jahre dauert, bevor die Mutter wieder trächtig werden kann, bedeutet der Tod von erwachsenen Tieren schnell den Rückgang einer ganzen Population. Das Problem ist ja auch schon länger bekannt, und der Naturschutz bemüht sich sehr, die Wilderei so gut wie möglich einzudämmen, aber trotz der Zäune um die Reservate und der regelmäßigen Patrouillen durch Ranger ist der Gewinn der Wilderer im Verhältnis zu ihrem Risiko noch groß genug, um mit ihren grausamen Aktionen fortzufahren. Nachdem der Schutz der Tiere grade in einem weitläufigen Gebiet wie dem Hluhluwe-iMfolozi-Park aber nicht mehr wirklich verbessert werden kann, da man einfach nicht genug Personal dafür abstellen kann, müssen nun auch weitere Methoden ergriffen werden. Und damit kommen wir zum Thema Enthornung.
Die Idee dahinter ist, dass es einem Wilderer praktisch nichts mehr bringt, ein Nashorn zu töten, wenn dieses kein Horn, oder nur noch Reste eines Horns, hat. Das klingt erstmal verlockend, aber tatsächlich wurde bisher noch nicht ausreichend erforscht, wie sich der Verlust des Horns auf das Tier auswirkt, und außerdem wächst so ein Horn innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder nach. Das macht das Management aus Naturschutzsicht natürlich nicht leichter, und auch deutlich teurer, da man hierbei mehrere Bodencrews braucht, die von der Luft aus unterstützt und gesteuert werden wollen…
Aber zurück zu unserem Urlaub und dem aktuellen Geschehen. Wir hatten schon während der Pause den Helikopter beobachtet und auch das kleine Flugzeug, in dem der zuständige Park-Bereichsleiter von oben den Überblick behielt, und nun hielt sich der Helikopter schon länger im Tal neben uns auf. Wir durften natürlich nicht bei der Aktion an sich stören, aber als Teil einer Naturschutzorganisation war es durchaus in Ordnung, wenn wir aus sicherer Entfernung zuschauen kamen. Also fuhren wir runter ins Tal und hatten schnell die Ansammlung der Pickups der Bodencrew ausgemacht, die gerade mit der Enthornung einer Mutter mit Kalb fertig geworden waren. Die beiden Tiere waren dafür betäubt worden und nun war das Kleine bereits wieder recht munter, während die Mutter noch sehr träge am Boden lag. Aus der Ferne konnten wir beobachten, wie das Kleine mehrfach die Mutter anstupste, bis diese sich schließlich langsam und bedächtig wieder aufraffte und wenige Sekunden später samt Baby im Busch verschwand. Zufrieden mit dem Erfolg machten sich auch die Bodencrew und wir wieder auf den Weg zum nächsten Ziel.

Für uns war das eine kleine Herde von vier weiblichen Giraffen, die gemütlich an den Büschen nahe der Straße zupften. Das war schon ein sehr entspanntes Bild, das wir einen Moment auf uns einwirken ließen. Bald gab es auch im Himmel wieder etwas zu sehen, als nämlich ein Gleitaar (Black-winged Kite) über uns flog. Wenig später überquerte uns auch noch eine ganze Gruppe von Trompeterhornvögeln (Trumpeter Hornbills), die von einem Schildraben (Pied Crow) begleitet wurden. Anschließend wurde der Himmel wieder vom Helikopter in Beschlag genommen und damit war die Suche nach Vögeln erstmal vorbei.


Dafür bekamen wir zwei weitere Enthornungen mit, bei denen die entsprechenden Nashörner praktisch direkt nacheinander betäubt worden waren. Für die erste kamen wir etwas zu spät, also gerade passend, um zu sehen, wie das Nashorn wieder in Ruhe gelassen wurde, aber bei der zweiten waren wir genau richtig. Wir durften dieses Mal auch etwas näher heranfahren und konnten so den kompletten Prozess beobachten.
Das betäubte Nashorn lag recht aufrecht auf eingeknickten Beinen da und hatte die Augen mit einem Tuch abgedeckt, sowie die Ohren gegen den Lärm geschützt. So wurde ihm der Kopf von einem kräftigen Mann festgehalten, während ein weiterer mit der Kettensäge die beiden Hörner abschnitt – auch wenn das zweite Horn deutlich kleiner ist, ist es doch genug, dass das Tier dafür gewildert werden könnte, daher werden immer direkt beide abgenommen. Selbst wenn man weiß, warum diese Aktion durchgeführt wird, fühlt es sich wie ein brutaler Eingriff an, der laut kreischenden Säge dabei zuzusehen, wie diese das Horn des schönen Tieres abtrennt. Mein Freund und ich empfanden es als eine Mischung von ohnmächtiger Wut und gleichzeitiger Trauer, mitzuerleben, dass solch ein krasser Eingriff nötig ist, um das Leben des Tieres zu schützen.
Als das Horn dann ab war, wurde es herumgezeigt und wir durften es sogar mal kurz in die Hand nehmen. Um ehrlich zu sein machte das die Wut nur noch schlimmer – zu wissen, dass es Menschen gibt, die für dieses relativ kleine Stück Horn solch prachtvolle Tiere abschlachten, hilft nicht gerade beim Glauben an die Menschheit. Nach einer kurzen Runde durch die Hände wurde das Horn wieder eingesammelt und eingetütet, so dass es entsprechend beschriftet eingepackt werden konnte.
Damit war die wissenschaftliche Arbeit aber noch nicht getan: das Nashorn bekam die Augen befeuchtet, damit diese nicht austrockneten, und dann wurden noch kleine Schnitte (notches) in seine Ohren gemacht. Diese sind dafür da, dass man die Nashörner in Zukunft genauer identifizieren kann – jedes Tier bekommt eine bestimmte Kombination von Schnitten an bestimmten Stellen und kann dann daran erkannt werden. Nun hatte das arme Tier die Tortur aber endlich überstanden und die Menschen zogen sich zurück, um es wieder in die Natur zu entlassen. Noch etwas benommen stand es bald wieder auf und rannte, wenn auch leicht wackelig auf den Beinen, in die Büsche davon.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Nachdem es mittlerweile schon recht spät geworden war, und wir uns noch ziemlich weit im Süden befanden, machten wir uns nach diesem emotionalen Erlebnis auch wieder auf den Rückweg ins Camp. Für eine Weile waren wir stiller als sonst, da wir alle das erlebte erstmal verarbeiten mussten, und wir unterhielten uns auch später in der Mittagspause noch darüber, wie unsinnig diese Form der Wilderei doch ist.
Ein hündischer Abschluss
Viel Zeit für Ruhe blieb uns allerdings nicht, und schon kurz nach drei machten wir uns erneut auf in den Park, dieses Mal mit dem Ziel, die Hyänenhunde wiederzufinden. Wir hatten auch direkt ein gutes Signal und machten uns auf den Weg in die passende Richtung. Dabei kamen wir an einem sehr gut erkennbaren Vogel vorbei – dem sehr bildlich benannten Hammerkopf (Hamerkop), der am Hinterkopf eine merkwürdig geformte Beule hat, die dafür sorgt, dass einen dieser Vogel etwas an einen Hammer erinnert. Zwei davon staksten im Matsch an einem kleinen Rinnsal entlang, als wir vorbeikamen. Nicht weit davon gab es eine Straßenbelagerung von anderer Art: eine Truppe von Pavianen hatte sich breit gemacht und ließ sich sehr viel Zeit dabei, uns durchzulassen.
Anschließend hatten wir wieder das Glück, die Hyänenhunde direkt am Wegrand zu finden. Ich muss schon zugeben, dass ich in meinen früheren Besuchen nie ein Rudel hatte, das gar so gerne auf den Wegen zu finden war, aber das macht die Suche natürlich um einiges einfacher. Die Sichtung fing dieses Mal sehr ruhig an, da es sich die Hunde bequem gemacht hatten und nicht von uns stören ließen. Bis auf einzelne Interaktionen wie ein gemütliches Umdrehen oder ein fauler Schlecker beim Nachbarn gab es erstmal nicht viel zu sehen. Also nutzten wir die Gelegenheit, um noch ein bisschen mehr auf die Vögel um uns herum zu achten und fanden eine neue Art: den gelb-gestreiften kleinen Goldbürzel-Bartvogel (Yellow-rumped Tinkerbird), von dem einige durch die Büsche am Wegrand hüpften.


Etwas später kam dann aber doch noch Bewegung in das Rudel und das Alpha-Paar stand auf und fing an, die Gegend zu markieren. Hyänenhunde haben eine ähnliche Rudelstruktur wie Wölfe – es gibt ein Leitpaar, das typischerweise das einzige ist, das sich fortpflanzt, und der Rest des Rudels besteht oft aus deren Nachwuchs und manchmal auch ihren Geschwistern. Oft sieht man, dass eins der beiden Tiere des Alpha-Paars die Richtung angibt, in die sich das Rudel bewegt, oder direkt vorausläuft. Daher waren wir jetzt zuversichtlich, dass sich auch der Rest bald bewegen würde – vor allem das Leit-Weibchen war schon sehr aktiv.
Bald sahen wir auch, was sie vermutlich aufgescheucht hatte: schon wieder kam ein Nashorn den Hunden näher! Dieses Mal hatten wir aber leider keinen ganz so guten Blickwinkel für die Beobachtung. Wir konnten zwar wieder bemerken, wie die Rudelmitglieder nervös wurden und dann vorsichtig sicherstellten, dass sie genug Abstand zu dem großen Tier hatten, aber dass noch ein zweites Nashorn dem ersten folgte, das erkannten wir erst etwas später. Die beiden Dickhäuter hatten es wie die Hunde auch auf die Straße abgesehen und scheuchten so das ganze Rudel auf, während sie auf uns zukamen. Dann machten sie einen Umweg durchs Gebüsch an uns vorbei und kamen hinter uns wieder auf den Weg gestapft. Aber nun hatten die Hyänenhunde auch keine Ruhe mehr und waren bald im Busch verschwunden.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Trotzdem sollte das für heute noch nicht genug an „meinen Hundis“ gewesen sein – wir mussten ja auch noch die beiden in der Boma besuchen gehen. Auf dem Weg dahin wurden wir allerdings nochmal abgelenkt, weil uns zwei Gruppen von Elefanten begegneten: eine große mit 24 Tieren und eine kleine Familie mit nur sechs. Da es schon langsam wieder dämmerte, konnten wir allerdings nicht viel länger bleiben, und durften daher nur kurz den Anblick genießen.
An dem Auffanggehege angekommen, versuchten wir es dieses Mal mit einer anderen Idee. Nachdem wir letztes Mal nicht viel von den Hyänenhunden hatten sehen können, weil das Gras selbst für den Blick vom Pickup herunter zu hoch war, wollten wir nun die kleine Aussichtsplattform mitnutzen. Auch diese ist bis auf ein kleines Loch in der Verkleidung blickgeschützt und bietet damit einen besseren Einblick in das ganze Gehege. Mein Freund und ich stiegen also leise die Stufen hoch und legten uns dort auf die Lauer, während der Rest mit dem Auto einmal den Zaun umrandete. Erst hatten wir das Gefühl, dass wir auch hier kein Glück haben würden, wir sahen jedenfalls nur viel Grünzeug. Aber als das Auto die Runde schon fast geschafft hatte, entdeckten wir plötzlich eine braune Bewegung und dann konnten wir sehen, wie sich zweimal zwei Ohren durch das Gestrüpp bewegten. Einer der beiden Hunde, das Weibchen mit dem Funkhalsband, kam dann auch auf eine der weniger bewachsenen Stellen gelaufen, so dass wir sie endlich einmal genauer sehen konnten. Zum Glück ging es ihr offensichtlich gut und da sich ihr Gefährte ebenfalls schnell bewegt hatte, konnten wir uns dann auch beruhigt auf den Heimweg ins Camp machen.
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