Der erste Workshop-Tag hatte ja schon gut angefangen, aber wurde direkt noch deutlich besser, als wir hörten, dass neben den vielen theoretischen Themen heute auch direkt schon eine Praxisübung in der Wolfsbeobachtung auf uns wartete. Allein die Gruppe an sich war schon spannend genug, wie sich bei den kurzen Gesprächen in den Pausen und den Rückfragen bei den Vorträgen herausstellte, da wir so viele verschiedene Hintergründe zusammengeworfen hatten. So waren wir nicht nur auf die Themen an sich gespannt, sondern auch auf unsere Unterhaltungen rund um die Wölfe und den Naturschutz in der kommenden Woche.
Aber fürs erste hatten wir es uns auf unseren zugeteilten Plätzen im Tagungsraum bequem gemacht, unsere Notizbücher und Stifte gezückt und waren bereit für den ersten Theorieblock in diesem Workshop. Ich muss an der Stelle zugeben, dass ich schon immer viel zu gerne lerne und es mag, bei solchen Dingen detailliert mitzuschreiben. Das stellt sich jetzt als sehr praktisch heraus, weil ich euch dadurch durch die ganzen spannenden Themen mitnehmen kann – aber keine Sorge, wir machen keine vollen sechs Tage draus!
Theorie der Wolfsbeobachtung
Wir starteten dann auch direkt mit den spannenden Themen durch: als erstes beschäftigten wir uns mit der Verhaltensbeobachtung von Wölfen und wie diese wissenschaftlich in Form eines Ethogramms abgebildet werden kann. In der Verhaltensforschung, auch Ethologie genannt, geht es darum, möglichst viel über die Tiere zu lernen, was man dann auch bei der Domestikation und als Grundlage für den Artenschutz nutzen kann. Um hierbei strukturiert vorzugehen, werden die verschiedenen Verhaltensweisen einer Tierart in möglichst präzisen Beschreibungen abgedeckt, die in einem Ethogramm zusammengefasst sind.


Wenn man sich dieses Ethogramm für die Wölfe genauer anschaut, dann findet man dabei verschiedene voneinander abgegrenzte Funktionskreise. Da gibt es beispielsweise die recht selbsterklärenden Bereiche Bewegung, Schlaf und Ruhe, Orientierungsverhalten und Komfortverhalten, aber auch komplexere Kategorien wie stoffwechselbedingtes Verhalten, was Nahrungsaufnahme, Futter vergraben und auch dieses wieder ausscheiden beinhaltet, oder soziales Verhalten in der Gruppe, zu dem alle Interaktionen von freundlichem Beschnuppern über miteinander spielen bis hin zu offensiven und defensiven Verhaltensweisen gehören.
Natürlich gibt es noch weitere Funktionskreise und die Verhaltensweisen pro Kreis können auch nochmal deutlich feiner aufgedröselt werden. Als Beispiel können wir uns hier mal kurz mit der Bewegung beschäftigen und gleich für jede Verhaltensweise ein passendes Kürzel vergeben. Die einfachste Unterscheidung hier ist in die verschiedenen Gangarten des Wolfes, also Schritt (Schr), Trab (Tr) und Galopp (G), zusätzlich braucht man vermutlich noch das Springen (Spr), das doch auch mal vorkommt, aber damit kommt man dann auch schon recht weit. Aber wofür brauchen wir jetzt diese Kürzel? Meist wird die Verhaltensbeobachtung manuell dokumentiert und notiert, also indem ein Mensch sich Notizen auf einem Blatt Papier oder ähnlichem macht – wenn man nun eigentlich das Tier beobachten möchte, aber gleichzeitig mitschreiben soll, dann muss das Mitschreiben möglichst schnell gehen und dafür verwendet man die Kürzel.

Und das wurde für uns auch direkt relevant, da wir gleich nach dem Mittagessen aktiv in die erste Beobachtungssession starten sollten. Dafür wurden uns die Gehege und Wölfe des Parks nochmal vorgestellt, damit wir uns bei den Beobachtungen etwas leichter zurechtfinden würden. Es gab zu diesem Zeitpunkt drei Gehege mit europäischen Grauwölfen und zwei mit weißen Wölfen (einmal arktischen und einmal Hudson-Bay). Nachdem wir noch die Sicherheitshinweise gehört – keine Finger durch den Zaun stecken – und die Orte der Fotoklappen gezeigt bekommen hatten, wurden dann Gruppen gebildet. Jede Gruppe würde sich über die nächsten Tage mit bestimmten Funktionskreisen beschäftigen, und am Ende der Woche würden wir unsere Erkenntnisse austauschen.
Wolfsbeobachtung im Eisregen
Meine Gruppe bestand erstmal nur aus mir, weil meine Gruppenkollegin erst ab morgen dabei sein konnte. Also hatte ich erstmal alleine den Fokus auf Bewegung und Schlaf/Ruhe und es wurde uns selbst überlassen, welche Form der Beobachtung wir dafür nutzen wollten. Ich hatte schon eine Idee dazu (man hat ja nicht umsonst Verhaltensbiologie studiert), wollte aber doch erstmal ein paar Minuten schauen gehen, was die Tiere denn wirklich so trieben. Also packten wir uns alle möglichst warm ein und dann ging es raus ins Außengelände – im wunderbar eklig feuchten Eisregen! Das Wetter hätte vermutlich nicht viel schlechter sein können, aber das nahm uns unsere Euphorie trotzdem nicht und wir verteilten uns auf die verschiedenen Gehege und starteten den praktischen Teil des Workshops.
Die erste Herausforderung war direkt das Identifizieren der einzelnen Wölfe. Zum Glück war eine Teilnehmerin auch gleichzeitig als Tierpflegerin angestellt und konnte uns ein paar Tipps geben, was die Sache leichter machte. Trotzdem beschloss ich, mich vorerst auf die Gehege mit zwei Wölfen zu beschränken, da dort das Auseinanderhalten deutlich einfacher war als bei drei. Entsprechend fing ich mit den Brüdern Mitja und Levi an, die zwar etwas neugierig herumschauten, aber doch noch recht entspannt unterwegs waren. Nach kurzer Beobachtung entschied ich mich auch für eine Methodik: ich würde immer für zehn Minuten Daten sammeln und dabei alle 30 Sekunden für jeden Wolf notieren, was er zu diesem Zeitpunkt gerade tat. Das ist für solche allgemeinen Verhaltensweisen, die häufig über längere Zeiträume durchgeführt werden, meistens besser geeignet und resultiert dann in einem schönen Aktivitätsdiagramm.

(© Cornelia Hebrank, 2023)

(© Cornelia Hebrank, 2023)
Damit ging die Beobachtung dann auch echt gut und ich war schnell wieder komplett in meinem „Daten sammeln“-Modus, den ich irgendwann in meinen ersten verhaltensbiologischen Projekten gelernt hatte. So wunderschöne Tiere zu beobachten macht aber auch einfach immer wieder Spaß, selbst wenn nach zehn Minuten im Eisregen und der Kälte die Füße schonmal etwas frieren können…
Ich konnte auch schnell feststellen, dass sich die verschiedenen Wolfsgruppen recht unterschiedlich aktiv zeigten: gerade die älteren Tiere waren ruhiger und eher gemütlich unterwegs, während bei den jüngeren mehr Aktion vorherrschte. Das Wolfspaar Finja und Milan war fast immer am Laufen, meistens im Trab, während ich bei den älteren Brüdern mehr stehen und liegen vorgefunden hatte.
Zum Abschluss der Beobachtung gab es dann nochmal ein Highlight, als Frank die weißen Wölfe, die ich auch grade beobachtete, zum Heulen brachte, woraufhin der ganze Park mit einstimmte und in der Schnee-Atmosphäre war das schon einfach beeindruckend. Leider ging es nicht allzu lange und danach waren meine beiden weißen Wölfe dann wieder etwas ruhiger, wenn auch immer noch aufmerksam. So durfte ich direkt am ersten Tag schon feststellen, dass „liegend“ alleine keine gute Bezeichnung war, da es hier noch Unterscheidungen zwischen einem aufmerksam erhobenen Kopf bis hin zu einem zur Seite umgekippten Wolf gab. Aber solche Optimierungen macht man doch gerne noch und zurück im Warmen konnte ich dann auch meine Liste an Verhalten entsprechend erweitern.

Wölfe in deutschen Gehegen
Nach diesem Einsatz in der Kälte durften wir uns bei dem nächsten theoretischen Block erstmal wieder in Ruhe aufwärmen. Wir fingen mit einer kurzen Übersicht über die Zuständigkeiten zu Wildtieren in Deutschland an – was schon so ein recht undurchsichtiges Thema ist. Trotzdem ist durchaus interessant zu wissen, dass alle Ebenen von der EU angefangen über das Bundesministerium für Umwelt als deutschlandweite Instanz, weiter über die Landwirtschaftskammern und Landesämter der Bundesländer bis hin zu den Landkreisverwaltungen mit deren unteren Naturschutzbehörden an Entscheidungen zu unseren Wildtieren beteiligt sind. Zumindest kann man mit diesem Hintergrund leichter nachvollziehen, warum manche Entscheidungsfindungen so zäh und komplex sind… Und leider sind diese Prozesse für die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland extrem wichtig.
Zum weiteren Einstieg beschäftigten wir uns dann für den Rest des Nachmittags aber lieber wieder mit einem etwas leichter verdaulichen Thema: der Haltung von Wölfen in Gehegen. Offensichtlich ist das gerade für das Wolfcenter sehr relevant und auch sonst haben viele der deutschen Zoos natürlich auch Wölfe. Generell gibt es ja immer wieder im Naturschutz Diskussionen über Zoos und Tiergärten und deren Existenzberechtigung, die meistens auf die gleichen Punkte zurückgehen: nur die wenigsten Tierarten können auf so sehr begrenztem Raum tatsächlich artgerecht gehalten werden.

Im Fall von Wölfen hat man in der freien Wildbahn ein Rudel, das aus einem Elternpaar und deren Jungtieren besteht, und gemeinsam jagt. Wenn die Jungtiere älter werden, dann wandern sie von selbst ab, sodass nur selten ausgewachsene Tiere zusätzlich zu den Eltern auf Dauer im Rudel verbleiben. Diese Struktur lässt sich aber in einem Gehege praktisch nicht abbilden. Es besteht selten die Möglichkeit, jedes Jahr Gruppen von Jungtieren an andere Einrichtungen weiterzuvermitteln und so ist eine Abwanderung offensichtlich nicht möglich.
Da der Raum generell stark begrenzt ist, empfiehlt es sich aus der Sicht des Tierfreundes, hauptsächlich Paare zu halten, die durch Sterilisation oder die Wolfsversion einer Pille daran gehindert werden, Nachwuchs zu bekommen. In einem Paar ist das Konfliktpotential am geringsten, sonst kann es auch mit Gruppen von gleichgeschlechtigen Geschwistern klappen, aber da kommt es immer auf die Individuen an und wie sich diese verstehen. Allerdings wirken zwei Wölfe natürlich nicht wie ein Rudel, das der Besucher vermutlich aus Naturdokumentationen kennt, und daher werden in vielen Zoos leider noch mehr Tiere gehalten, als für deren Sozialstruktur gut ist. Hier entstehen dann die sogenannten Alpha- und Omega-Wölfe, die man so in der Natur gar nicht finden würde, da sich dort die Tiere im Zweifel deutlich leichter aus dem Weg gehen oder eben abwandern können.

Zum Abschluss des Themas auch nochmal kurz zum Nachwuchs in Gefangenschaft: hier ist dann besonders die Art der Aufzucht zu bedenken. Im Idealfall können die Kleinen von ihren Eltern aufgezogen werden und haben dabei nicht mehr Kontakt mit den Menschen als nötig. Dieses Vorgehen stellt sicher, dass die Jungen nicht wirklich gezähmt werden und damit noch recht viel von ihrem natürlichen Verhalten zeigen. Im Gegensatz zu dieser Methode gibt es aber auch die Handaufzucht durch den Menschen, für die man in Deutschland eine besondere Genehmigung benötigt. Hierbei findet eine Sozialisierung statt, nach der sich die Wölfe deutlich mehr an Menschen gewöhnt haben als bei der Zähmung von ausgewachsenen Tieren. Allerdings bringt das auch einen deutlichen Nachteil mit sich: zum einen sind sozialisierte Wölfe häufig aggressiver gegenüber dem Menschen, da sie die Scheu verloren haben, und daher ist bei diesen Tieren ein Ausbruch aus dem Gehege deutlich gefährlicher.

Mit diesem spannenden Thema, das man meist doch noch nicht in der Tiefe durchdacht hat, beendeten wir dann auch die Vorträge für den ersten Tag und wussten schon jetzt, dass wir in dieser Woche viel lernen würden. Um nach dem vielen Zuhören noch ein bisschen zur Ruhe zu kommen, machte ich mit einer der anderen Teilnehmerinnen noch einen kleinen Abendspaziergang und dann kuschelte ich mich mit einem Tee ins Bett, um nochmal über den Tag nachzudenken und dem Heulen vor meinem Fenster zu lauschen…
Lust, weiter zu lesen? Ab zu Tag 2!


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