Frohes neues Jahr und willkommen zurück nach der kurzen Winterpause! Wir starten natürlich auch im neuen Jahr direkt durch und machen mit dem Wolfs-Workshop weiter… Viel Spaß!
Nach einem sehr theorielastigen Tag sollte es am dritten Kurstag mehr an die frische Luft gehen – sowohl ein weiterer Teil zum Spurenlesen als auch ein Ausflug zu einem Schäfer standen auf dem Plan. Wir Teilnehmer freuten uns schon auf beides, da wir uns vom Schäfer eine ganz andere Perspektive auf das Thema Wölfe in Deutschland und den Herdenschutz vor Ort erhofften. Außerdem freute ich mich darauf, bei dem Ausflug etwas mehr von der Gegend um das Wolfcenter herum zu sehen, in der ich mich ja auch nicht auskannte.
Mehr Spuren und Pläne für die Slowakei
Der Morgen startete aber wie geplant mit der nächsten Einheit zum Spurenlesen. Beim letzten Mal hatten wir uns nur mit einzelnen Abdrücken, den Trittsiegeln, beschäftigt, aber in der praktischen Übung hatten wir schon festgestellt, dass es durchaus hilfreich sein kann, mehr als nur ein Trittsiegel auf einmal anzuschauen. Zum einen kann es gut sein, dass kleinere Unterschiede im Boden oder in der Bewegung des Tieres manche Abdrücke besser oder schlechter lesbar machen, und zum anderen sagen auch die Abstände zwischen den Abdrücken etwas über die Tierart aus, die diese hinterlassen hat.
Entsprechend ging es heute in der Theorie um den Aufbau von Vorder- und Hinterfüßen und darum, wie man deren Kombination für die Bestimmung einer Spur verwenden kann. Fangen wir doch mal einfach an: Hundeartige und Katzenartige haben bekanntlich sowohl vorne als auch hinten jeweils vier Zehenballen – der Unterschied zwischen den beiden sind die Krallen, die bei Hunden fast immer gut zu erkennen sind, bei Katzen aber meist eingezogen sind. Wenn man nun also einen Abdruck mit klar erkennbaren fünf Zehenballen findet, dann kann man diese Gruppen schon ausschließen.
Dafür müsste man sich bei diesem Trittsiegel zwischen Bären- und Marderartigen entscheiden, bei denen Vorder- und Hinterfüße fünf Zehenballen aufweisen, oder zu den beiden Gruppen schauen, die einmal vier und einmal fünf Ballen besitzen: den Hasen und den Nagetieren. Wenn man sich hierbei noch überlegt, wie viele verschiede Arten in diesen Gruppen in Deutschland vorkommen, dann wird die sichere Bestimmung gar nicht mal so einfach. Natürlich helfen hier die Größenunterschiede bei der Auswahl mit, und den Rest macht dann die Erfahrung sowie eine generelle biologische Artenkenntnis aus.

Zusätzlich zu den Zehengängern gibt es aber auch noch zwei andere Tiergruppen, die zumindest erstmal leicht davon zu unterscheiden sind: die Schalenträger und die Huftiere. Zu ersteren zählen die ganzen Arten von Rehen und weiteren Geweihträgern, Wildschweine, sowie Schafe, Ziegen und Rinder, während die letzteren hier durch Pferd und Esel vertreten sind. Schalenträger hinterlassen typischerweise Trittsiegel mit zwei halbrunden Abdrücken und auch ein Huf sollte normal recht gut zu erkennen sein.
Gewappnet mit diesem neuen Wissen, und nach dem vormittäglichen Snack an belegten Broten, zogen wir also wieder raus in den Schnee, um praktisch auf Spurensuche zu gehen. Dabei stellte sich einmal mehr heraus, dass allein schon die Diskussionen über die gefunden Trittsiegel zu neuem Verständnis der Spuren führten: beispielsweise war eine der Spuren an einer Seitenwand eingefallen und bei der Überlegung, wie das passiert sein könnte, kamen wir auf ein weiteres Konzept zu sprechen. Viele Tiere treten nämlich mit den Hinterbeinen in die Spuren der Vorderbeine, das nennt man Fuß in Fuß, und dabei werden die Abdrücke natürlich ungenauer, weil man es mit einem sogenannten Doppelabdruck zu tun hat.


Beim Betrachten von ganzen Schrittfolgen, und der damit verbundenen Suche nach verschiedenen Zehenanzahlen, kamen wir außerdem noch auf das Thema der Spurbreite. Je nach Tierart müssen Schulter- und Hüftbreite ja nicht immer gleich sein. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Hase, dessen Vorderfüße sehr nah beieinander stehen, während seine Hinterfüße durch den Körper dazwischen getrennt sind. Je mehr man über die verschiedenen Tiere und deren Spuren nachdenkt, desto mehr lässt sich aus letzteren lesen.
Zufrieden mit unseren gefühlten Fortschritten beim groben Verständnis des Spurenlesens stapften wir zurück in den Tagungsraum, bevor wir komplett eingefroren waren, und unterhielten uns noch kurz über die Pläne für den Kursteil in der Slowakei. Die richtige Ausstattung dafür war besonders wichtig, also gingen wir unsere Packliste im Detail durch, damit wir am Ende alle genug warme Sachen dabei haben würden. Auch über die Anreise wurde nochmals diskutiert, da viele von uns ohne Auto unterwegs waren – aber zum Glück konnten wir recht problemlos den Zug nutzen und uns dann vom Bahnhof abholen lassen…
Zu Besuch beim Schäfer
Direkt nach dieser Planung war es auch schon Zeit fürs Mittagessen, zu dem der Schäfer mit eingeladen war, sodass wir einen direkten Themenwechsel machten und ihn kennenlernen durften.
Es gibt zwar verschiedene Arten von Schafshaltung, aber ein großer Teil der hauptberuflichen Schäfer macht heutzutage auch die Beweidung von Naturschutzgebieten oder anderen Flächen wie Stadtparks oder Deichen. Da diese Flächen häufig der Gemeinde oder dem Staat gehören und eine solche Beweidung oft die sinnvollste oder auch einfachste Art der Flächenpflege ist, bekommen die Schäfer hierbei feste Verträge und sichere Einkünfte. Tatsächlich ist die Herstellung von Wolle gar nicht mehr so ein typischer Haltungszweck für Schafe wie man meinen sollte…
Unser Besuch erklärte jedenfalls, dass seine Schafe größtenteils in Hütehaltung auf Flussdeichen und in Naturschutzgebieten unterwegs sind und nur für die relevanten Wochen rund um die Geburten von Lämmchen im Stall gehalten werden. Als erste Frage kam dann das Thema von Herdenschutzhunden auf, die er nicht verwendet, da sie gerade auf den Deichen auch gegen Menschen zu aggressiv auftreten könnten. Ein Herdenschutzhund soll seine Schafe ja gegen andere verteidigen, die nicht zur Herde gehören – wenn nun also ein Spaziergänger, besonders noch mit eigenem Hund, zu nahe kommt, dann schlägt der Schutzhund an. Und das führt schnell zu Problemen, da sich viele Menschen leider nicht an Abstände oder Hinweisschilder halten…

Nach dem Mittagessen ging es dann wieder raus in die Kälte – wir folgten dem Schäfer in zwei Autos und fuhren ein ganzes Stück durch die Landschaft, um zu einer seiner Herden zu kommen. Dort zeigte er uns seine Tiere, eine Mischung aus Heidschnucken und Leineschafen, die in einem sauber eingezäunten Gebiet friedlich am Grasen waren und uns neugierig beäugten. Die Schafsmischung hatte er gewählt, weil sich die Heidschnucken auch selbst verteidigen können – als ältere Rasse haben sie nämlich noch Hörner und sind selbstständiger als das typische Hausschaf.
Was den Zaun angeht, so setzt er auf einen 1,06 m hohen elektrischen Zaun, der flexibel ist und mit den Schafen umgezogen werden kann. Um seine Funktion zu gewährleisten, muss dafür allerdings direkt unter dem Zaun gemäht werden, damit es nicht durch feuchte Gräser zu einem Kurzschluss kommen kann. Hier kam dann auch ein spannender Punkt auf, an den man bei der staatlichen Förderung des Herdenschutzes nicht denkt: laut Schäfer ist der Zaun an sich gut zahlbar und das ist auch gar nicht das Problem, aber in seinem Fall müssen täglich 40 solche Zäune umgesteckt werden und die höheren Zaunrollen werden dabei so schwer, dass seine zarteren Mitarbeiterinnen diese gar nicht mehr tragen können. Da aber nur die Anschaffung der Zäune unterstützt wird, braucht er nun deutlich mehr Arbeitskraft, und zwar praktisch täglich, und das sind Kosten, die er selbst tragen muss.


(© Cornelia Hebrank, 2023)
Er versteht aber auch die Notwendigkeit, da er den Wolf auch als natürlichen Teil unserer Umgebung sieht, und hat daher seine Zäune immer in guter Wartung und sauber aufgestellt. Denn seiner Meinung nach lernt ein Wolf nur bei seinen ersten Erfahrungen mit solch einem Zaun – der Wolf sieht die Schafe, kommt heran und wird geschockt. Vielleicht probiert er dann noch ein- oder zweimal, ob er doch an die Tiere kommt – mit dem selben Ergebnis. Und dann hat er gelernt, dass der Zaun ihm wehtut und geht höchstwahrscheinlich wieder auf die Suche nach dem nächsten Reh. Entsprechend wetterte unser Schäfer über diejenigen seiner Kollegen, die einfache Zäune ohne Elektro verwenden, da die Wölfe bei ihnen leichter an die Schafe kommen und dann lernen, dass diese eine leichte Beute sind.
Natürlich kann er aber nicht sicherstellen, wie andere mit ihren Herden umgehen und kommt so durch den zusätzlichen Arbeitsaufwand einer korrekten Haltung immer mehr in Bedrängnis, da für ihn mittlerweile Fleisch, Leder und Wolle nicht mehr rentabel sind und er seine Herden nur noch durch die Finanzierung über die Beweidungsaufträge halten kann. Dabei müssen die Tiere aber fast täglich den Ort wechseln, da sonst die Wurm-Last zu hoch wird und die Gefahr von Krankheiten steigt.
Als kleinen Abschluss erzählte er uns noch eine Geschichte aus seinen Versuchen mit Hütehunden, die er regelmäßig zum Treiben seiner Schafe nutzt. Ihm war dabei aufgefallen, dass die Hunde ohne Probleme über einen einzelnen Schutzzaun springen, da sie die Höhe und den Boden dahinter einschätzen können. Wenn er aber den Zaun doppelt hält, auch wenn die beiden Teile praktisch direkt hintereinander stehen, dann zögern die Hunde und laufen lieber drum herum, da sie scheinbar den Sprung nicht mehr so gut abschätzen können. Seit er das gesehen hat, zäunt er seine Schafe in den bekannten Wolfsgebieten immer doppelt ein, und bisher hatte er dort auch noch keine Risse durch die Wölfe…

So ging dann auch der Nachmittag zu Ende und bald machten wir uns auf den Rückweg ins Wolfscenter, um uns wieder aufzuwärmen. Der Besuch beim Schäfer hatte uns auf jeden Fall einige Anregungen zum Nachdenken mitgegeben und wir diskutierten auf der Rückfahrt noch über einige der Punkte weiter. Da es damit dann doch spät geworden war, lösten wir uns dann nach einer kurzen Nachbesprechung für den Abend auf und zogen uns in die wärmeren Gefilde unserer Zimmer zurück.
Nun hatten wir doch tatsächlich schon die Halbzeit des ersten Workshop-Blocks im Wolfcenter erreicht! Zwar war mir in den Tagen häufig etwas kalt gewesen, da der erste Wintereinbruch des Jahres zwar hilfreich fürs Spurenlesen, aber doch unerwartet aufgetaucht war, doch dennoch waren die Tage bisher wie im Fluge vergangen und ich war sehr gespannt, was ich noch alles lernen würde und freute mich auf den nächsten Tag, der wieder einige praktische Einheiten enthalten sollte…
Lust, weiter zu lesen? Ab zu Tag 4!


Hinterlasse einen Kommentar