Mittlerweile hatten wir uns ja schon mit einigen wichtigen Themen rund um den Wolf beschäftigt, aber bisher war die Beute nur sehr generell aufgekommen. Das sollte sich am vierten Tag des Kurses ändern – auf dem Plan standen dabei sowohl die natürliche Beute von wilden Wölfen als auch das Fressverhalten unserer hier gehaltenen Tiere. Zusätzlich wollten wir auch die Frage diskutieren, wie gefährlich denn nun so ein Raubtier für den Menschen sein kann und tatsächlich ist. Spannende Themen also, auf die wir uns schon freuten, nicht zuletzt wegen dem interaktiven Teil bei der Fütterung…

Die Lebensweise der Wölfe

Der nächste Morgen fühlte sich trotz Wolfsgeheul schon fast wie Routine an und mit der ersten Tasse Tee des Tages gab es zum Aufwachen wieder eine Runde Theorie rund um die Lebensweise der Wölfe. Natürlich gibt es zu diesem Thema viel zu erzählen, angefangen von den einfachen Merkmalen dieser Tiere bis hin zu den vielen interessanten Verhaltensweisen, die Wölfe an den Tag legen. Da ich definitiv noch ein Artenportrait für den Wolf schreiben möchte, werde ich mich hier aber etwas kürzer halten – auch weil das ja nicht der Fokus des Workshops war.

Ein Wolf, zwischen zwei Bäumen durch gesehen (© Cornelia Hebrank, 2024)
Wölfe leben bei uns vor allem im Wald und gehen wieder ihrer normalen Funktion in unserem Ökosystem nach – oft sehr versteckt (© Cornelia Hebrank, 2024)

Ökologisch gesehen sind Wölfe als Raubtiere dafür da, den Bestand ihrer Beutetiere klein zu halten und gleichzeitig deren Gesundheit zu erhalten – daher brauchen wir ohne Wölfe Jäger, die besonders Rehwild und Ähnliches reduzieren. Im natürlichen Umfeld (und auch durch Studien in Nationalparks nachgewiesen) werden zuerst alte und kranke Beutetiere aussortiert und die Populationsgrößen von Raubtier und Beute schwanken abwechselnd, was auch dem Futter der Beute, also den Bäumen und Büschen, regelmäßig etwas Schonung zur Regeneration gibt.

Aber offensichtlich sind Wölfe nicht irgendein Raubtier. Durch ihr enges soziales Gefüge heben sie sich von vielen einzelgängerischen Jägern ab und zeigen dadurch auch ein anderes Verhalten, was die Jagd, aber auch ihre Familie angeht. Um das ganze Rudel zu versorgen, brauchen Wölfe große Territorien und sind entsprechend als ausdauernde Läufer auf eine hohe Bewegungsrate ausgelegt.

Zwei Wölfe rennen über eine eingeschneite Fläche (© Cornelia Hebrank, 2014)
Wenn sie genug Raum dafür haben, dann sind Wölfe gerne und viel in Bewegung – auch in Gefangenschaft, wie hier im amerikanischen Wolf Park (© Cornelia Hebrank, 2014)

Das macht ihnen das Leben mit uns Menschen nicht unbedingt leicht – wo gibt es denn noch weiträumig unbesiedelte Lebensräume, in denen man einem Konflikt einfach „aus dem Weg gehen“ kann? Vielmehr entsteht bei Jägern teilweise der Eindruck, dass es viel zu viele Wölfe (oder auch Luchse) gibt, da das Territorium der Tiere bis zu 50 Jagdbezirke abdecken kann. In anderen Gegenden hingegen sieht man kaum einen Wolf, obwohl die Spuren eindeutig sind, und fragt sich dann: ist das jetzt Scheu, also vermeidet der Wolf den Jäger aktiv, oder einfach nur Desinteresse, läuft er also ohne Hintergedanken leise vorbei?

Unabhängig davon hängt die Wolfsdichte auch noch von der Anzahl der Beutetiere in dem Gebiet ab, da mehr Beute leicht auch mehr Wölfe ernähren kann, und davon, wie viele Nachbarrudel es bereits gibt. Ist die Gegend noch nicht so stark besiedelt, dann kann man sich natürlich auch mal mehr Platz gönnen. Und als ausdauernde Läufer können die jungen Abwanderer auch schonmal tausend Kilometer zurücklegen, bevor sie sich für ihr eigenes Rudel niederlassen…

Aber wie gesagt, die absoluten Details zum Jahresablauf in einem Wolfrudel und zur Jagdsequenz der Wölfe fasse ich dann lieber mal noch ausführlicher in einem eigenen Eintrag zusammen.

Rissanalyse

Nach dem morgendlichen Theorieblock ging es mal hinter die Kulissen des Wolfcenters in den abgesperrten Bereich, in dem das Futter der Wölfe vorbereitet wird. Damit die Tiere noch möglichst nah an ihrem natürlichen Futter gehalten werden, gibt es für sie auch immer wieder ganze Rehe zu fressen – und eins dieser Rehe wartete nun auf uns, damit wir es erst analysieren konnten, bevor es in den Mägen der Wölfe verschwand.

Warum denn einen Kadaver analysieren? Nun, das ist ein Teil des Jobs eines Wolfberaters, wann immer Nutztiere gerissen werden und der Wolf als Täter infrage kommt. Dann bezeichnet man das als Rissanalyse und es gibt ein genaues Vorgehen für deren Durchführung. Das Ziel soll hier sein, sicherzustellen, dass nicht einfach jeder Todesfall eines Tieres als Wolfsriss dargestellt wird, aber dass wirkliche Wolfsrisse erkannt und entsprechend dokumentiert werden.

So eine Rissanalyse wollten wir nun anhand unseres Rehs besprechen. Dabei startet man mit einer allgemeinen, äußeren Betrachtung des Tieres und prüft, ob der Todeszeitpunkt zumindest grob zum aktuellen Fund passt. Wenn es schon hier Unstimmigkeiten gibt, dann stellt sich die Frage, wo und wie es wirklich gestorben ist.

Ein Rehkadaver auf einer Plane (© Cornelia Hebrank, 2023)
Unser Opfer, das analysiert werden musste, bevor die ersten Schnitte durchgeführt wurden. Die blutigeren Bilder erspare ich euch lieber… (© Cornelia Hebrank, 2023)

Dann geht es mit der äußeren Untersuchung weiter: die Beweglichkeit der Beine und des Halses werden geprüft, um Brüche oder andere offensichtliche Verletzungen zu bemerken. Bisswunden sind dabei oft durch das Fell versteckt, besonders wenn es nur zu einzelnen Bissen gekommen ist. Also muss als Nächstes das Fell aufgezogen werden, wofür es auch ein klares Vorgehen gibt. Der erste Schnitt geht den Hals entlang zum Rücken, um das Fell am Hals vorsichtig mit dem Messer und das am Rücken in Richtung Bauch mit der Hand aufzuziehen. In der dabei sichtbar werdenden Fleischschicht sind Bisse gut zu erkennen, auch wenn unser Reh keine aufwies, und können dort auch entsprechend ausgemessen werden. Unser Reh hatte stattdessen große dunkelrote Blutergüsse auf der kompletten Seite, was nicht durch ein Raubtier, sondern nur durch einen Autounfall entstehen kann.

Somit hatten wir viel gelernt und nebenbei auch die Todesursache unseres Beispiel-Rehs geklärt – bei tödlichen Wildunfällen gibt die Polizei der Region die Rehe gerne mal beim Wolfcenter ab, dann haben zumindest die Wölfe noch etwas davon, dass das arme Tier sterben musste…

Der Wolf als Gefahr für den Menschen?

Auf dem Rückweg in den Seminarraum fiel uns direkt noch die Spur eines Eichhörnchens auf, die wir gleich verfolgen mussten – eindeutig viel zu angetan vom Spurenlesen – bis sie auf der anderen Seite der Straße auch wieder im Gesträuch verschwand. Immerhin hatten wir dadurch ein bisschen Ablenkung, bevor es das Mittagessen gab, aber das war ja zumindest kein Rehbraten…

Zurück im Tagungsraum ging es dann mit schwerer Kost weiter, aber dieses Mal in theoretischer Form: wie gefährlich sind Wölfe für den Menschen wirklich und in welchen Fällen werden Menschen durch Wölfe getötet?

Grundsätzlich ist ein Teil des ganzen Trubels um die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland dem geschuldet, dass wir einfach keine großen Raubtiere mehr gewöhnt sind. In vielen anderen Regionen ist der Umgang mit Raubtieren Teil des Alltags der Menschen und wird daher schon als Kind intuitiv gelernt. Um das Thema genauer zu beleuchten, gab es bisher zwei wichtige Studien dazu: eine aus Norwegen und eine aus den USA.

Ein weißer Wolf im Schnee mit einem Stück angefrorenem Fleisch unter der Pfote (© Cornelia Hebrank, 2014)
Wölfe sind nunmal Raubtiere und Fleischfresser – da wird gejagt, was ins Beuteschema fällt. In den meisten Fällen ist das nicht der Mensch, daher gibt es relativ wenig Zwischenfälle, die aber leider viel Aufmerksamkeit bekommen. Viel häufiger gibt es, wie hier, Reh zu fressen.
(© Cornelia Hebrank, 2014)

In beiden Fällen wurden die Angriffe nach verschiedenen Kategorien sortiert und die Angriffe seit 1950 in den entsprechenden Regionen analysiert. In Europa und Russland gab es in der Zeit etwa 60 Angriffe von Wölfen auf Menschen, von denen aber nicht einmal 20 tödlich verlaufen sind – die Hälfte der letzteren aufgrund von Tollwut. Hierbei wurde angemerkt, dass tollwütige Wölfe häufig Männer angriffen, während andere Wölfe oft teilweise habituiert waren, d.h. durch Fütterung oder Fressen von Abfällen an Menschen gewöhnt, und dann Kinder angriffen. Als Hauptmaßnahmen wurden also die Bekämpfung der Tollwut sowie das Vermeiden der Gewöhnung an Menschen sowie das Erhalten von Lebensräumen genannt.

Im Vergleich dazu kam es in den USA zu 80 Vorfällen, wobei auch viele der Fälle ein Verteidigungsverhalten auf Seite der Wölfe zeigten und nur seltene Ausnahmen auf wirkliche Aggression hindeuteten. In Indien sieht die Situation aber tatsächlich anders aus: hier kam es in mehreren hundert Fällen zu Konflikten mit Wölfen in landwirtschaftlichen Gebieten mit hoher Menschendichte und wenig Beutetieren, bei denen in einem größeren Teil auch Menschen gefressen wurden – allerdings leben dort noch andere ebenso gefährliche Tierarten, sodass der Wolf eher als Teil der Natur akzeptiert wird.

Insgesamt lässt sich also sagen, dass die zwei wichtigsten Faktoren die Tollwut und die Habituation an den Menschen sind. Nachdem die Tollwut in unseren Gegenden seit den Impfködern von 1985 größtenteils ausgerottet ist, sollten wir uns also darauf fokussieren, dem Wolf seinen Raum zu lassen und niemals solche Wildtiere anzufüttern und dann sollten wir in Frieden leben dürfen. Mehr Infos zu dem Thema findet ihr bei Interesse auf der Webseite des Wolfcenters schön zusammengefasst.

Die Fütterung der Raubtiere

Nach diesem anstrengenden Thema hatten wir uns dann aber etwas mehr Spaß verdient, also stellten wir uns rund um das Gehege der drei älteren Brüder auf, um das erste Highlight des Tages zu genießen: die Fütterung der Wölfe. Die drei erkannten natürlich gleich, dass etwas besonderes anstand – schließlich waren aktuell kaum Menschen da und jetzt plötzlich so viele auf einem Haufen – und wurden auch immer aufgeregter.

Als wir alle bereit waren und mit Kameras und Notizblöcken am inneren Zaun standen, wurde das Reh per Schubkarre hineingebracht und direkt vor uns abgelegt. Die Wölfe hatten sich schon beim Öffnen der Tür zum Gehege versteckt und waren außer Sicht, bis der Mitarbeiter samt Schubkarre wieder verschwunden war. Aber dann wurden sie neugierig…

In gebührender Entfernung tauchten nun die schnuppernden Schnauzen auf und langsam kam der erste der Brüder näher. Noch ganz vorsichtig lief er zunächst am Reh vorbei und schnupperte interessiert, griff aber noch nicht zu. Auch der nächste Bruder machte erst eine prüfende Runde, bevor es aktiver wurde. Offensichtlich war das Reh viel zu nah bei uns am Zaun, also wurde es erst möglichst schnell von uns weggezerrt, bevor sich dann alle drei etwas weiter entfernt auf das leckere Futter stürzten.

Dabei ging es keineswegs brüderlich zu – es wurde sich gegenseitig angeknurrt, einzelne Wölfe liefen mit kleineren Stücken davon, und es ging ein Gezerre an dem Reh los, dass es geradezu in der Luft hing. Auf jeden Fall ein spannendes Schauspiel!

Doch mit dieser einen Fütterung sollte es noch nicht genug sein – auch Finja und Milan, das jüngere Pärchen im Nachbargehege, hatte die letzten Tage nichts zu fressen bekommen und jetzt unruhig dabei zugeschaut, wie die drei Alten verwöhnt wurden. Aber sie sollten nicht zu kurz kommen, denn auch für sie war schon ein Reh reserviert. Also ging das gleiche Schauspiel direkt nochmal los, inklusive vorsichtiger Annäherung und dann gemeinsamem Auseinanderrupfen des Kadavers. Allerdings ging es bei den beiden etwas ruhiger und friedlicher zu, sie schienen besser teilen zu können.

Nach diesen beiden schönen Beobachtungen, die gleichzeitig auch das Ende unserer kleinen Verhaltensstudien darstellten, waren wir noch am freudigen Diskutieren über die gerade gesehenen Verhaltensweisen, als es schon weiter ging zum nächsten Highlight.

Das Wolfcenter bietet bei den handaufgezogenen weißen Wölfen nämlich ein direktes Treffen der Tiere an, bei dem man sie durch den Zaun füttern darf – das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen! Dafür gab es einen Eimer mit kleingeschnittenen Fleischstücken und zwei Holzzangen, um unsere Finger in sicherer Entfernung zu den scharfen Zähnen zu halten.

Die beiden hatten sichtlich Interesse an dieser Interaktion und warteten auch ganz brav auf ihre Futterstückchen, sodass wir uns Zeit lassen und das zu gebende Futter fair unter uns aufteilen konnten. Am Ende drückten sich die beiden Wölfe sogar noch an den Zaun und wir konnten sie ein kleines bisschen streicheln, was schon ein besonderes Erlebnis war.

Damit kam dann auch dieser erlebnisreiche Tag zu einem schönen Ende und wir hatten genug zum Nachdenken für den Abend. Auch fühlte es sich falsch an, dass wir schon in zwei Tagen wieder abreisen würden – aber noch mussten wir uns damit zum Glück nicht beschäftigen und genossen einfach weiterhin die gute Atmosphäre.

Lust, weiter zu lesen? Ab zu Tag 5!


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2 Antworten zu „Workshop Wolf – Tag 4: Wölfe und ihr Fressen“

  1. Avatar von puzzleblume

    Zufällig bin ich hergeraten und weil ich in einem der neuen deutschen Wolfsgebiete, im niedersächsischen Wendland, Lüchow-Dannenberg lebe. Mit einem Wolfspärchen in fussläufiger Nähe ist Informiertsein keine Sache der Interesses mehr, sondern Vorbeugung für eine Begegnung die jederzeit im Alltag vorkommen kann, vielleicht morgen früh, beim ersten Hundespaziergang.
    Sehr gut informiert wird man von Wolfsberater Kenny Kenner mit seinem kleinen Landhotel ‚Landlust‘ in der Göhrde, wo er zu Führungen und Seminaren einlädt . Der Link könnte von WordPress als Werbung aufgefasst werden, also lasse ich ihn weg.

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    1. Avatar von wildlifegirl

      Danke für den Tipp, das klingt nach einem spannenden Ausflugsziel!

      Ich denke auch, dass es in der Zukunft für immer mehr Leute relevant sein wird, über die zurückkehrenden Wölfe informiert zu sein, daher möchte ich eben von meinen Erfahrungen berichten, auch wenn ich keine Expertin bin und daher keinen direkten Rat zu Interaktionen geben werde.

      Gefällt 1 Person

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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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