Heute bin ich etwas spät dran mit dem Eintrag, aber es ist ja noch Wochenende 😉
Dafür kann ich euch schon verraten, dass es einen guten Grund dafür gibt: ich darf aktuell lernen, wie man Fledermäuse im Winterschlaf findet und zählt – daher bin ich an einigen Samstagen unterwegs und vielleicht kommt nochmal ein Eintrag etwas später… Aber keine Sorge, dafür erzähle ich euch dann auch alles über die Fledermäuse!
So – jetzt aber zurück zu den Wölfen, bei denen sich der erste Workshop-Teil langsam dem Ende nähert…
Der fünfte Tag, ein Samstag, versprach einige neue und interessante Dinge. Im Winter hat das Wolfcenter nicht durchgehend geöffnet, aber dieses Wochenende würden nicht nur andere Besucher dazukommen, sondern auch ein kleiner Weihnachtsmarkt neben den Wölfen wurde aufgebaut. Entsprechend würden wir uns das Mittagessen heute an den Ständen holen und auch sonst den Markt sowie den Shop des Centers besuchen können. Als erstes stand allerdings eine Spurenlesen-Session auf dem Tagesplan, nachdem wir gestern gar keine Zeit mehr dafür gehabt hatten.
Spurenlesen in der alten Kaserne
Dafür ging es wieder raus aus dem Park und ab in den Wald, dieses Mal tatsächlich nicht nur auf die Wiese ums Eck. Stattdessen starteten wir mit einem sportlichen Marsch durch den kühlen Morgen und konnten bald noch andere Spuren entdecken als die, nach denen wir eigentlich suchten…
Hier war nämlich früher eine Kaserne gestanden und auch jetzt gab es noch einige Überreste davon zu sehen. Während wir uns als Gruppe nicht wirklich ablenken ließen, war ich doch neugierig, da ich diese Lost Places oder vergessenen Orte ziemlich spannend finde. Also machte ich wenigstens ein paar Bilder, bevor ich schnell wieder aufschloss, ehe die Gruppe im Gebüsch verschwinden konnte.

Das alte Kasernengelände hatte aber auch den weiteren Vorteil, dass es einen großen Bereich abdeckte, der nun praktisch leer stand und von der Natur genutzt werden konnte. Es gab zwar noch einige Feldwege, auf denen offensichtlich auch Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern spazieren gingen, aber der Rest der Gegend war eher Wildtier-freundlich.

(© Cornelia Hebrank, 2023)
Wir folgten unserem Trainer Jörn also durch ein paar Sträucher an einen alten Eisenbahndamm, dessen Ränder sehr sandigen Boden boten. Das war zum Spurenlesen natürlich hervorragend. Jörn hatte uns auf dem Weg zwar schon erzählt, dass man auch auf den nassen Blättern Spuren finden konnte, aber das ist deutlich schwerer und daher definitiv nicht für Einsteiger zu empfehlen. In dem feuchten Sand waren die Eindrücke allerdings gut zu erkennen und so wurden gleich wieder Aufgaben, also Fragestellungen, verteilt und wir versuchten uns an den Spuren.
Hier war deutlich mehr Wild unterwegs gewesen und so konnten wir uns auch mal mit der Anzahl von Spuren an einem Hang beschäftigen, was gar nicht mal so einfach ist. Gerade bei Abdrücken von Schalengängern, wie z.B. Rehen, ist es schon nicht so leicht, die Richtung zu bestimmen, da man dafür auf die Tiefe des Abdrucks achten und das Gelände miteinbeziehen muss. Und wenn man dann noch mit mehreren Spuren konfrontiert wird, macht das die Sache nicht leichter.
Außerdem sahen wir hier jetzt zum ersten Mal die zwei verschiedenen Typen von Afterklauen, die man vor Allem bei Wildschweinen sieht, aber in dem tiefen Schnee neben den Schienen auch bei Rot- oder Damwild finden kann. Schnell hatten wir den Unterschied zwischen den beiden Spuren gefunden und damit unser erstes Wildschwein erfolgreich bestimmt.


Mit so viel neuen Informationen im Kopf machten wir uns dann eine knappe Stunde später wieder auf den Rückweg und freuten uns schon auf die belegten Brote und die warmen Getränke im Tagungsraum. Auch waren wir gespannt, was der Tag noch so bringen würde…
Natürliche Sättigung vs. Regulierung
Zum Aufwärmen gab es wie üblich wieder etwas Theorie, dieses Mal über das Thema, wie sich die Zahl der Wölfe in einem Gebiet regulieren lässt oder eben auch von selbst reguliert. Generell haben Wölfe als Top-Prädatoren ja keine natürlichen Feinde, außer uns Menschen, wenn man uns zählen möchte, sodass sich ihre typischen Todesursachen auf illegale Tötungen, Unfälle im Straßenverkehr sowie Krankheiten und Kämpfe zwischen Einzeltieren eingrenzen lassen.
Ohne aktives Zutun würde sich also mit der Zeit eine natürliche Sättigung der Population einstellen, was bedeuten würde, dass alle sinnvoll besetzbaren Territorien durch Wolfsrudel genutzt werden und die Anzahl der Wölfe dann stabil bleibt. Allerdings ist hier anzumerken, dass der als schützenswert eingestufte „günstige Erhaltungszustand“, den wir aktuell als Europäische Union anstreben, von der Anzahl der Tiere her deutlich unter dem Sättingungswert liegt. Daher ist, besonders mit der eher negativen Einstellung der Mehrheit gegenüber den Raubtieren, ein Erreichen der natürlichen Sättigung unwahrscheinlich.
Als zweiten Faktor gibt es aber auch noch die Regulierung, die sich natürlich zwischen Raubtier und Beute einstellt. Wie schon angemerkt, gibt es keine Nachweise, dass Wölfe das Schalenwild, also ihre Hauptbeutetiere, ausrotten würden. Stattdessen pendeln sich die Populationsgrößen von Beute und Raubtier gewissermaßen ein, sodass sich die Zahlen gegenseitig regulieren und in Maßen halten.
Zusätzlich kommt noch die Bejagung durch den Menschen ins Spiel, die aktuell nur bei auffälligen Tieren erlaubt ist, aber durch eine Lockerung auch auf größere Zahlen ausgeweitet werden könnte. Nach der Jagdethik wird nicht auf trächtige oder säugende Wölfe geschossen, und auch Jungtiere sollen von der Bejagung ausgenommen sein – allerdings ist beim Wolf die Altersbestimmung bekanntlich sehr schwer vorzunehmen, sodass hier eine eindeutige Abgrenzung schwierig bleiben wird. Ein noch nicht mal ganz ein Jahr alter Wolf hat keine erkennbaren Merkmale, an denen man ihn sicher von einem mehrere Jahre alten Tier unterscheiden könnte.
Auch sollte bei der Jagd vorsichtig vorgegangen werden: wenn ein ansässiges Rudel den umliegenden Viehhaltern keine Probleme macht, dann ist ein Abschuss gefährlich. Sollte dabei nämlich ein Leittier geschossen werden, so kann man nicht vorhersagen, wie sich das Rudel im Anschluss neu ausrichtet und ob es dabei nicht viel mehr Schaden anrichten wird. Wie der Schäfer schön gesagt hatte: er hat lieber ein ruhiges Wolfsrudel, das nicht auf seine Schafe geht, als kein Wolfsrudel – weil dann weiß man nie, wer durch das Gebiet zieht…
Wie schon so oft brachte also auch dieses Thema einiges zum Nachdenken mit sich, da man es offensichtlich nicht als schwarz und weiß sehen sollte, sondern viel mehr Nuancen für eine wirkliche Betrachtung nötig sind. Aber nun war erstmal Mittagspause, und die verbrachten wir auf dem Wintermarkt, auf dem es mehrere Food Trucks gab, sodass für jeden etwas Leckeres dabei war. Auch die anderen Stände waren durchgehend nett gemacht und so schlenderten wir ein bisschen herum, bevor es wieder mit der Arbeit weiterging.
Abschluss unserer Verhaltensbeobachtung
Warum ich das Arbeit nenne? Nun ja, für den Nachmittag hieß es bei uns: gesammelte Daten analysieren, Präsentationen erstellen und dann die Ergebnisse unserer Verhaltensbeobachtungen pro Gruppe vortragen! Dabei kam meine naturwissenschaftlich gebildete Seite mal wieder etwas zu sehr zum Vorschein, aber die anderen fanden das auch so ziemlich spannend.

Meine Gruppe hatte sich ja mit dem Themenbereich „Bewegung und Ruhe“ beschäftigt und dafür die relevanten Teile des Ethogramms zu Rate gezogen, bevor wir uns auf Beobachtungseinheiten von 10 Minuten mit Datenpunkten alle 30 Sekunden fokussiert hatten. Damit bekamen wir eine Art Zeitbudget der Paare, das auf die verschiedenen Aktivitäten verteilt und damit analysiert werden konnte. Um das ganze interessanter zu machen, hatten wir die verschiedenen Wolfspaare beobachtet, damit wir sie gegeneinander vergleichen konnten, aber auch auf die verschiedenen Tage, also Beobachtungszeitpunkte eingehen konnten – schließlich verhalten sich alle am Fütterungstag anders als bei kompletter Ruhe im Wolfcenter.
Dabei bemerkten wir ja schon schnell, dass es bei unserem Thema mit „liegen“ und „laufen“ noch lange nicht getan war. Gerade beim Liegen kann man mehr verschiedene Haltungen unterscheiden, als man auf den ersten Blick meinen würde. Ich habe euch auch die passenden Bilder dazu mitgebracht, sodass ihr den Unterschied zwischen „aufrecht liegend (LA)“ und „seitlich liegend (LS)“ leicht sehen könnt – und bei ersterem konnte man sogar noch nach „Kopf oben“ und „Kopf unten“ trennen.

(© Cornelia Hebrank, 2024)

(© Cornelia Hebrank, 2024)

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Warum wir so viele Kategorien unterschieden haben? Es kommt natürlich immer drauf an, was genau man analysieren möchte, aber wenn man wenig Zeit hat, dann bekommt man meist mit detaillierten Beobachtungen auch mehr interessante Punkte heraus. In diesem Fall geht es um die Aufmerksamkeit der Tiere: liegt ein Wolf komplett entspannt auf der Seite, so bekommt er nicht mehr viel von seiner Umwelt mit und ist recht unaufmerksam. Hat er aber den Kopf gehoben und schaut aktiv in eine Richtung, ist der Unterschied zwischen liegen und stehen schon deutlich kleiner – in beiden Fällen kann er sofort reagieren, wenn etwas passiert.
Auf jeden Fall kam die Präsentation unserer Ergebnisse gut an, auch weil wir am Ende einige interessante Fragen stellen konnten, was man als nächstes genauer analysieren könnte. Gerade dafür sind solche kurzen Beobachtungen nämlich super: um eine spannende Forschungsfrage auszusuchen, mit der man sich dann länger beschäftigen kann. Für uns war die Verhaltensforschung aber leider schon wieder vorbei, auch wenn ich gerne noch ein paar mehr Beobachtungsstunden angehängt hätte…

Die anderen Gruppen präsentierten ihre Ergebnisse mit mehr Fokus auf einzelne Vorkommnisse, da sie mit dem Sozialverhalten und Futter-bezogenem Verhalten natürlich insgesamt weniger relevante Momente hatten festhalten können. Aber die Videos zu den spannenden Teilen waren auch sehr interessant anzuschauen und es gab auch hier gute Fragen, die man genauer hätte untersuchen können, wenn noch Zeit gewesen wäre.
Damit ging auch dieser Workshop-Tag zu Ende, aber da es der letzte gemeinsame Abend war, zogen wir uns noch nicht in unsere Zimmer zurück, sondern gingen zusammen essen. Es war eine sehr nette und gemütliche Runde und wir freuten uns schon darauf, dass wir uns in der Slowakei nochmal für eine Woche sehen würden – denn irgendwie hatten sich doch ein bisschen Freundschaften gebildet, schließlich hatten wir recht ähnliche Interessen…
Als es spät wurde, lösten wir uns dann doch auf und verschwanden für die letzte Nacht neben den Wölfen in unseren Betten. So viel Spaß der Workshop auch machte, ich muss zugeben, dass ich ihn auch wirklich anstrengend fand – nicht zuletzt wegen der Kälte – und so brauchte ich meine Erholung vor dem letzten Tag, der mit der Rückfahrt nach Hause sowieso lang werden würde.
Lust, weiter zu lesen? Ab zu Tag 6!


Hinterlasse einen Kommentar