Am Morgen des letzten Tages fiel mir das mittlerweile so gewohnte Heulen der Wölfe besonders auf – schließlich würde ich noch am selben Abend abreisen und mich auf den Heimweg machen müssen. Ich hatte schon am Vorabend das meiste zusammengepackt und so blieb mir Zeit für einen kurzen morgendlichen Spaziergang in Richtung Kaserne, bei dem ich die letzten Tage nochmals wirklich Revue passieren ließ.
Wir hatten so viele verschiedene Themen besprochen und an sich waren die Tage doch öfter recht lange geworden, aber aus der aktuellen Perspektive fühlte sich die letzte Woche viel zu kurz an. Und ich freute mich zwar auf mein warmes Zuhause und meine Freunde, aber andererseits wollte ich eigentlich noch nicht wieder weg – es war einfach zu spannend, so häufig zu den Wölfen gehen zu können und so viele besondere Eindrücke zu sammeln…
Herdenschutz: durch Zäune oder Tiere?
Zurück von meinem Spaziergang schnappte ich mir meine Workshop-Unterlagen und war dann auch wieder pünktlich im Tagungsraum, um die letzten Themen von diesem ersten Workshop-Block abzuschließen. Heute stand ein wichtiger Themenkomplex auf dem Plan, den wir schon mehrfach angeschnitten hatten, aber hiermit nochmal genauer beleuchten wollten: Wölfe und Nutztierhaltung. Grob lässt sich das Thema in zwei Bereiche aufteilen, nämlich den notwendigen Herdenschutz für Nutztiere, wenn diese im Wolfsgebiet gehalten werden, und den Umgang mit Wölfen, wenn diese trotz der Schutzmaßnahmen auffällig und übergriffig werden sollten. Hier hatten wir den zusätzlichen Vorteil, dass Frank ein Buch zu dem Thema geschrieben hat und daher sehr detailliert auf alles eingehen konnte.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Doch fangen wir von vorne an: was die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland zu einem schwierigen Thema macht, sind ja vor Allem die Ängste in Bezug auf diesen großen Beutegreifer. Nutztierhalter sind besorgt, dass sie durch Viehverluste wegen direkten Übergriffen aber auch wegen Fehlgeburten durch wegen dem Wolf gestresste Muttertiere ihre Existenzgrundlage verlieren. Da viele Landwirte schon aktuell damit kämpfen, dass sie wenig Respekt für ihre Arbeit bekommen und Auflagen immer schwieriger werden, ist der Wolf und der damit verbundene zusätzliche Aufwand und mögliche finanzielle Schaden in vielen Fällen das, was das Fass für sie zum Überlaufen bringt.
Vergleicht man die Situation mit der Vergangenheit, also der Zeit, in der es noch wildlebende Wölfe gab, dann fanden sich damals als Lösungsmöglichkeiten nur die Bewachung oder Sicherung der Nutztiere, die wegen fehlender Technik häufig durch menschlichen Einsatz geleistet werden musste, oder eben die Ausrottung der Raubtiere. Heute gibt es deutlich bessere elektrische und automatisierte Schutzmöglichkeiten, aber trotzdem sind die Sorgen zum Teil berechtigt und eine hundertprozentige Sicherung der Tiere vor dem Wolf ist nicht möglich. Prinzipiell sollte jeder einzelne Nutztierhalter entsprechend beraten werden, welche Maßnahmen in seiner Situation ergriffen werden sollten, aber das ist bei etwa 60.000 relevanten Betrieben in Deutschland kaum machbar.
Allgemein gesehen gibt es zwei Möglichkeiten zum Schutz der Nutztiere. Die erste ist der sogenannte technische Herdenschutz, was effektiv bedeutet „ein Zaun“. Allerdings ist Zaun nicht gleich Zaun – um wolfsabweisend zu sein, muss der Zaun bestimmte Kriterien erfüllen. Typischerweise können Wölfe gut unter Zäunen durchbuddeln oder über diese springen, im Zweifel aber sogar drüber klettern. Entsprechend braucht ein nicht elektrischer Schutzzaun einen Untergrabeschutz, also einen nicht sichtbaren Zaunteil in der Erde, und eine ausreichende Höhe von mindestens 90 cm. Da besonders der Untergrabeschutz schwierig zu stellen ist, werden stattdessen meistens elektrische Zäune genutzt. Diese brauchen eine untere Litze, also eine Strom-Leitung, in Bodennähe und sollten auch an ihrem oberen Ende mit einer solchen versehen sein. Wenn dabei die Spannung aus dem Weidezaungerät passend eingestellt ist und kein Kurzschluss durch Bewuchs vorliegt, sowie auch die Tore entsprechend ausgestattet sind, dann ist ein Übergriff durch Wölfe sehr unwahrscheinlich.



Die andere Möglichkeit ist die Nutzung von Herdenschutztieren, die häufig auch zusätzlich zu einer einfacheren Form von Zaun eingesetzt werden. Dabei gibt es Erzählungen zu verschiedenen Tierarten, unter Anderem Esel und Lamas, die mindestens sich selbst zu verteidigen wissen, und natürlich die typischste Form des Herdenschutzhundes. So ein Schutzhund wächst im Idealfall schon mit seiner Nutztierherde auf und kommt von einer Rasse, die für diesen Job gezüchtet wurde – hat also nichts mit einem Hüte- oder Treibhund gemein. Der Schutzhund muss im Gegensatz zu den anderen Hundearten aggressiv sein, um gegen alles außer seiner „Familie“ aktiv zu verteidigen, was diese Hunde im Extremfall auch für andere Menschen gefährlich macht, wenn diese deren Herde vermeintlich angreifen. Dafür stellen sich diese Hunde auch einem Wolfsrudel gegenüber, um ihre Herde zu schützen, und können damit einen Angriff durch die Wölfe unwahrscheinlicher machen.
Immerhin gibt es mittlerweile einen festen staatlichen Beitrag zu dem Thema: zum einen wird die Prävention, also die Herdenschutzmaßnahmen, unterstützt, und zum anderen gibt es Schadensersatzzahlungen bei belegten Übergriffen durch den Wolf. Damit ist zumindest eine Eingrenzung des finanziellen Schadens durch Wolfsübergriffe gegeben. Wie man mit Wölfen umgeht, die in dieser Form übergriffig werden, das würden wir am Nachmittag noch besprechen.
Letzte Runde durch das Wolfcenter
Aber erstmal ging es noch ein letztes Mal raus in den Außenbereich, da wir als Workshopteilnehmer einen Teil des Wolfcenters sehen sollten, der den Besuchern normalerweise vorenthalten ist: die Auffangstation. Leider war das Wetter nicht auf unserer Seite, und wir wurden von einem Nieselregen in den etwas entlegeneren Bereich des Parks begleitet.
Wenn ihr meinen Eintrag zum Wochenend-Besuch beim Wolfcenter schon gelesen habt, dann wisst ihr auch schon, dass es dort nicht nur Wölfe in den Gehegen zu bestaunen gibt. In der Nähe der Herdenschutz-Ausstellung mit den verschiedenen Arten von Zäunen befindet sich nämlich das Alpaka-Gehege, in dem die zotteligen Gefährten ihr Leben genießen, wenn sie nicht grade auf geführten Wanderungen unterwegs sind. Gleichzeitig bieten sie ein schönes Anschauungsobjekt für das Thema der Herdenschutztiere, auch wenn sie wie gesagt nicht am besten dafür geeignet sind.

Nachdem wir den Alpakas also kurz hallo gesagt hatten, liefen wir weiter und kamen als nächstes an den Silberfüchsen vorbei. Diese besondere Farbvariante unserer einheimischen Rotfüchse fanden wir im letzten Gehege vor der Auffangstation, und neugierig wie die beiden waren, kamen sie auch herausgelaufen, um uns zu beäugen. Füchse werden als kleinere Raubtiere oft nicht gar so negativ gesehen wie Wölfe, haben in Deutschland aber trotzdem noch mit veralteten Jagdpraktiken zu leben, die erst langsam als tierschutzwidrig anerkannt werden. Aber zum Glück hatten diese Exemplare hier ihr geräumiges Gehege und ihre Ruhe vor jeglichen Hetzjagden.

Und damit waren wir dann auch an unserem Ziel angekommen und standen vor einem sehr schlichten, grob runden Containerbau – der Auffangstation. Der Hintergedanke dieses Baus ist einfach: falls verletzte Wölfe oder auch Luchse gefunden werden, die aufgepäppelt werden müssen, bevor sie zurück in die Wildnis dürfen, dann können diese Tiere solange hier untergebracht werden. Leider war das für Niedersachen schon nicht mehr wirklich relevant, da die Wolfszahlen so hoch waren und sind, dass aktuell verletzte Tiere „erlöst“ werden – aber die Auffangstation ist staatlich zugelassen und steht für alle Bundesländer offen. Bisher war sie aber tatsächlich noch nicht in Verwendung.
Die Anlage besteht aus einem Container mit einem Käfiggitter, der als Innenraum und Rückzugshöhle dient, und in dem sich ein aufgeregtes Tier verstecken kann, und einem Außenbereich, der effektiv ein nach oben hin offener Raum aus dunkelgrünen Wänden ist. Diese Abschirmung ist wichtig, damit das Tier keine Möglichkeit zur Fernorientierung hat und damit jeglicher Kontakt mit Menschen vermieden wird. Hierfür gibt es auch versteckte Fütterungs- und Tränkungseinrichtungen, sodass der eingesperrte Wolf selbst dabei keinen direkten Kontakt zum Menschen hat. Die komplette Auffangstation ist zudem mit Videokameras überwacht, damit das Tier durchgehend beobachtet und im Zweifel auch der Heilungsprozess verfolgt werden kann.


(© Cornelia Hebrank, 2023)
Als wir uns das alles einmal angesehen hatten, stapften wir durch den mittlerweile stärkeren Regen wieder zurück zum Hauptgebäude. Dieser letzte Teil hatte mich besonders interessiert, da ich bisher nur in Afrika Eindrücke zur Auswilderung von geschützten Tieren hatte sammeln können, und den Unterschied spannend fand. Dort steht natürlich deutlich mehr Raum zur Verfügung, sodass die Abschirmung meistens zum Großteil einfach auf der Abgelegenheit des Geheges basiert, während man sich hier, im engbebauten Deutschland, andere Methoden dafür einfallen lassen musste. Auf jeden Fall fand ich es auch schön zu wissen, dass es im Notfall mindestens ein solches Auffanggehege gab, das bereit war und nur auf seinen Einsatz wartete.
Umgang mit auffälligen Wölfen
Zurück im Tagungsraum schälten wir uns aus den nassen Jacken, bevor es nach einer kurzen Mittagspause mit den nächsten Themen weiterging. Wir starteten mit dem schwierigeren Thema, nämlich dem Umgang mit auffälligen Wölfen, von denen es leider doch immer wieder welche gibt. Nach der aktuellen Rechtslage dürfen diese Tiere „entnommen“, also erschossen, werden, wenn sie zu einem „ernsten“ wirtschaftlichen Schaden führen.
Allerdings muss man hier zwei Fallgruppen mit verschiedenen Herangehensweisen unterscheiden. Die eine Gruppe beschäftigt sich mit der Problematik der Habituierung und Futterkonditionierung, also mit Wölfen, die keine Scheu mehr vor Menschen haben, sondern diese vielmehr als Futterquelle sehen. In diesem Fall sollten die Tiere zunächst verscheucht werden, wenn das nicht hilft kann eine Vergrämung erfolgen, und nur wenn auch diese keinen Erfolg hat, sollte das Tier geschossen werden. Eine Vergrämung ist hierbei das Ausnutzen von Schmerz- oder Schreckreizen als negative Konditionierung auf den Menschen, also einfach gesagt der Versuch, dem Wolf Angst vor Menschen zu machen. Grundsätzlich sollten diese drei Schritte immer geplant durchgeführt und von direktem Monitoring begleitet werden, sodass deren Ergebnisse direkt auswertbar sind.
Die zweite Fallgruppe beschäftigt sich mit der Nutztierhaltung und Wölfen, die auf Nutztiere übergriffig geworden sind. Hier ist typischerweise keine Vergrämung möglich, da ein solcher Jagderfolg eine zu starke positive Konditionierung darstellt. Ein Wolf zählt in diesen Fällen dann als übergriffig, wenn mindestens zweimal ein zumutbarer Wolfsschutz (also ein sinnvoller Zaun oder Ähnliches) überwunden wurde oder der Schaden mehr als geringfügig ist (Definitionsfrage). In diesem Fall stellt sich die Frage, ob der Übeltäter eindeutig zugeordnet werden kann – wenn nicht, dann wird eine generelle Schussfreigabe erteilt, die erst eingestellt wird, wenn keine weiteren Schäden mehr auftreten. Das kann leider bis zur Ausrottung kompletter Rudel führen…
Nach dieser sehr informativen und diskussionsreichen Woche konnten wir dieses Vorgehen, so traurig es auch aus Naturschutzsicht sein mag, durchaus nachvollziehen. In unserem engmaschigen Besiedlungsraum lassen sich Konflikte leider nicht komplett vermeiden, und so bleibt uns nur zu hoffen, dass sich die Wölfe weiter anpassen und möglichst still und scheu verhalten, um hoffentlich in der Zukunft noch weitere Gebiete Deutschlands zurückzuerobern.
Abschluss des ersten Workshop-Blocks
Dieses schwere Thema konnten wir aber nicht so als Abschluss des Tages stehen lassen, und so waren wir alle sehr froh, dass wir die letzte Stunde mit einem Naturfilm über die Slowakei und noch einer kleinen Einführung in unser Zielgebiet verbringen durften. Die Landschaften im Film waren einfach wunderschön und machten so richtig Vorfreude auf die zweite Workshop-Woche im Januar – auch wenn ich mir schon sicher war, dass die bergige Gegend mit dem Schnee anstrengend werden würde. Jörn erzählte dann noch etwas mehr über die Gegend, dazu nächstes Mal mehr, und wir finalisierten unsere Abstimmung zur Anreise-Planung.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Und dann war es tatsächlich soweit: der erste Teil des Workshops Wolf war vorbei – wir hatten viel gelernt, spannende Unterhaltungen gehabt und mehr als genug zum Nachdenken mitgenommen, als wir uns am Ausgang des Wolfcenters voneinander verabschiedeten. Für mich und zwei andere ging es damit zum Bahnhof und wir fuhren noch bis Hannover gemeinsam weiter, was die Fahrzeit ungemein verkürzte und interessanter machte. Den Rest der Strecke war ich dann alleine und konnte etwas den vielen Gedanken nachhängen, um wieder in den normalen Alltag zurückzufinden – schließlich musste ich am nächsten Morgen schon wieder arbeiten gehen. Trotzdem bereute ich nichts, denn so eine Gelegenheit bekommt man im Zweifel nur einmal im Leben!
Keine Sorge, ihr müsst nicht über einen Monat auf die Slowakei warten – nach dem typischen Afrika-Exkurs geht es direkt damit weiter (hier findet ihr den nächsten Teil). Wie hat euch der erste Teil des Workshops gefallen? Habt ihr auch so viel Neues gelernt wie ich?
Lust, direkt weiterzulesen? Ab zu Tag 7!


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