Nach der ersten Hälfe des Workshops Wolf, der im deutschen Wolfcenter stattgefunden hatte (und auf den ihr mich ja schon begleiten durftet), hatten wir etwa einen Monat Zeit zuhause, bevor wir zum zweiten Teil aufbrechen würden. Diese Zeit konnte ich auch noch gut nutzen: warme Wandersachen wollten gekauft und Schneeschuhe gemietet werden. Auch an der generellen Fitness konnte man solange noch gut arbeiten, bis es dann auf die verschneiten Berge gehen würde. Trotzdem ging der Monat deutlich schneller vorbei, als man hätte denken mögen, und bald hieß es Sachen packen und noch eine letzte Nacht im eigenen Bett verbringen…
Anreise in die Slowakei
Nachdem ich ja generell, wenn sinnvoll möglich, den Zug als Transportmittel vor dem Auto vorziehe, und zusätzlich definitiv keine Lust hatte, bei gefrorenen Straßen und Minusgraden unbekannte Strecken zu fahren, war meine Anreiseart schnell entschieden. Die Umsetzung und besonders die Streckenplanung erwiesen sich aber als deutlich weniger schnell. Wir wollten ja in eine kleine Pension in einem Vorort von Liptovský Mikuláš – das war zwar tatsächlich besser zu erreichen, als man meinen könnte, aber führte doch zu einer ziemlich langen Reise.
Der erste Teil davon startete mit der deutschen Bahn, die wie üblich bei den ersten Anzeichen von Schnee ins Chaos verfiel, aber mich zum Glück dann doch noch mit nach Wien bringen wollte. Dort stieg ich nach einer ausgiebigen Frühstückspause (Puffer, falls wir mehr Verspätung gehabt hätten) in den slowakischen Zug in Richtung Košice und blickte mit Spannung aus dem Fenster. Immerhin gab es hier genug Platz für meine irgendwie grade noch in den Koffer und Rucksack gestopften Sachen, an denen ich mich beim Umstieg schon etwas abgeschleppt hatte.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Und dann ging die Reise so richtig los. Ich war bisher noch nicht in der Slowakei gewesen und hatte entsprechend nicht viel mehr als die Infos, die wir bei unserer kurzen Einführung bekommen hatten. Die Slowakei bietet aus Biodiversitätssicht interessante Grundlagen, da sie drei biogeografische Zonen beinhaltet: die ungarische Steppe, die kontinentale und die alpine Zone. Da ein großer Teil des Landes in den Karpaten liegt, ist die Gegend ein kleines Naturparadies mit einem guten Stück der verbliebenen Wildnis Europas. Unser genaueres Ziel führte uns in einen Kessel zwischen der Tatra und der niederen Tatra, neben einem Stausee, dessen zugehörigem Fluss ich nun schon mit dem Zug folgen würde.
Jörn, unser Reiseleiter für diesen Teil, hatte uns schon etwas mehr zu der Gegend erzählt und wir hatten auch einen Dokumentationsfilm über die wundervollen Gebirge gesehen, insofern freute ich mich schon sehr auf die Natur, die wir hier erleben würden. Jetzt im Winter hatten wir deutlich bessere Chancen, auch in den niedrigeren Bereichen spannende Tierspuren zu entdecken, da die Gipfel der Gebirge kein Futter mehr boten und so alles nach unten in die Täler wanderte, um dort in den Wäldern zu verweilen, bis der Winter vorbei war. Von unserer kleinen Pension am Rande des südlichen Nationalparks war es nicht mehr weit bis in die Wildnis, also fühlte sich diese Reise wie ein richtiges Abenteuer an.
Ankommen und ein gemeinsamer Einführungsabend
Nachdem sich der Zug lange durch das Tal geschoben hatte, erreichte ich schließlich mein Zwischenziel und stieg in Liptovský aus, um mit einem freundlichen Abholservice das letzte Stück zur Pension per Auto zurückzulegen. Es war so schon einfach nett, die Leute wiederzusehen, mit denen man eine Woche so viel zu tun gehabt hatte, und wir waren gleich wieder am Quatschen. Die Pension war ein nettes kleines Häuschen und wurde direkt von einem Ehepaar geführt. Wir hatten praktisch die ganzen Zimmer im Obergeschoss unter uns aufgeteilt – ich hatte mich für ein geteiltes Zimmer mit zwei anderen Teilnehmerinnen entschieden, da dieser „Urlaub“ mit den Kosten für den Workshop an sich auch so schon wieder ziemlich teuer geworden war. Also teilten wir erstmal die Betten zu und suchten uns Platz für den restlichen Kram, den wir dabei hatten, und dann war auch schon Zeit fürs Abendessen.
Das war sehr lecker – es gab slowakische Spezialitäten und erstmal eine Suppe zum Aufwärmen als Vorspeise – und auch dabei wurde viel geredet. Von in Ruhe ankommen konnte auch keine Rede sein: direkt im Anschluss ans Essen ging es in den Seminarraum, um eine richtige Einführung zu machen. Der stramme Tagesplan sah vor, dass wir jeden Morgen um 7 Uhr mit dem Frühstück starten würden, danach eine kurze Absprache zur Tour des Tages machten, bevor wir bis etwa 16 Uhr draußen sein würden. Zurück in der Pension hieß es dann erstmal Spuren nachbearbeiten und ggf. nachbestimmen, bevor es um 18 Uhr Abendessen gab und im Anschluss dazu die Nachbesprechung des Tages erfolgte. An sich klingt das vielleicht erstmal nicht so schlimm, aber wenn man den ganzen Tag in der Kälte draußen unterwegs ist, dann ist das anstrengender als so ein normaler Arbeitstag…

Bei der Einführung sprachen wir ausführlicher über das Liptover Monitoringgebiet, das zu dieser Zeit auch offiziell abgesucht werden würde. Wir würden das Monitoring unterstützen, indem wir absprachen, in welchem Gebiet sie uns brauchen konnten und dann dort suchen würden. Da hier schon seit Jahren Daten gesammelt wurden, war bekannt, dass es neben acht Wolfsrudeln auch einige Luchse und Bären in der Region gab, deren Bewegungen weiter untersucht werden sollten.
Was die Bären angeht, so hatten sich diese prinzipiell grade zum Winterschlaf zurückgezogen und wir erwarteten keine Begegnungen. Allerdings kommen manche Tiere dennoch zeitweise aus den Höhlen, sodass wir bei allen Wanderungen Bärenspray dabei haben würden. Grundsätzlich galt es hier, ausreichend Entfernung zu dem Bären einzuhalten und auf das beste zu hoffen. Trotzdem sprachen wir auch das Verhalten im Falle eines Angriffs oder Scheinangriffs durch, um gewappnet zu sein.

Damit war es dann schon spät geworden und nach einem kurzen Blick auf die Sample Box, die wir nutzen würden, wenn wir auf genetische Spuren der Wölfe stoßen sollten, war es Zeit zum Schlafen. Schnell wurden noch die Rucksäcke für den nächsten Tag vorbereitet und dann fielen wir in unsere Betten und freuten uns auf die kommenden Tage.
Erste Spurensuche im Schnee
Der nächste Morgen startete mit dem Frühstück, bei dem wir uns auch direkt unsere Boxen für mittags packten. Die Auswahl war dabei wirklich reichhaltig und wir fanden alle mehr als genug Leckeres. Im Anschluss ging es hoch in den Seminarraum und wir lernten noch ein letztes wichtiges Puzzleteil für das Spurenlesen: die Bestimmung von Gangarten. Nachdem es hier nicht mehr nur um einzelne Fußabdrücke oder Trittsiegel gehen sollte, mussten wir für das Verfolgen der Spuren oder Trailing noch besser vorbereitet sein.
Dafür lernten wir alle typischen Schrittmuster von den Klassikern – Schritt, Trab und Galopp – bis hin zu den verschiedenen Sprung-Typen, die man häufig bei kleineren Säugetieren sieht. Ein sehr spannender Punkt, den ich so auch nicht erwartet hatte, war, dass die Gangart der Tierbewegung nicht immer genau zur Spur passt: ein galoppierendes Pferd hinterlässt zum Beispiel meistens einen 4-Sprung auf dem Boden. Außerdem gibt es zwar zu jeder Tierart Schrittmuster, die man häufiger findet, aber das bedeutet keineswegs, dass sie die anderen Gangarten nicht auch beherrschen und hin und wieder nutzen können.
Aber an sich hat jedes Tier eine harmonische Gangart, in der es sich am liebsten fortbewegt, wenn es an sich in Ruhe gelassen wird. Für Wölfe ist das der energiesparende Trab, in dem sie weite Strecken zurücklegen können, während ein Luchs eher im Schritt mit vielen Unterbrechungen zum Lauschen und Schauen unterwegs ist. Ein Reh hingegen wird an Stellen mit Futter stehen bleiben und dazwischen gerne im Schritt laufen, um auf seine Umgebung lauschen zu können – außer es wird aufgeschreckt und springt weg. So lässt sich für fast jedes Tier ein typisches Verhaltensspektrum bestimmen, das man am ehesten auch in den Spuren sieht.
Mit diesem Wissen in unseren Köpfen quetschten wir uns anschließend in zwei Autos und fuhren in unser erstes Tal, in dem wir abends dann auch zum offiziellen Auftakt des Wolfsmonitorings dazustoßen durften. Wir hielten an einer schön offenen Fläche, die mit ausreichend Schnee bedeckt war, um Spuren gut sichtbar zu machen, aber doch mit wenig genug, um auch noch recht einfach laufen zu können. Die Gegend war schon zu Beginn einfach wunderschön und wurde in Richtung Berge nur noch interessanter.

(© Cornelia Hebrank, 2024)

Um erst nochmal in das Spurenlesen einzusteigen, starteten wir mit einigen Übungen: wir mussten zu zweit hintereinander verschiedene Gangarten nachstellen, um die Bewegungsabläufe zu verinnerlichen (falls ihr euch das bildlich vorstellen wollt, dann schaut gerne mal hier rein – ganz so gut waren wir aber nicht!). Danach nahmen wir ein paar Rotwild-Spuren als Basis für die Unterscheidung zwischen Schritt und Trab und sprachen nochmal über die Eigenheiten von Spuren im Schnee. Abschließend analysierten wir noch einen Baum, unter dem sich einige abgeknabberte Reste von Zweigen fanden und diskutierten mögliche Verursacher…
Dann waren wir endlich bereit für die Spurensuche! Wir fächerten uns auf, um auf der zugeschneiten Wiese nach interessanten Trittsiegeln Ausschau zu halten. Offensichtlich war viel Rot- und Rehwild unterwegs gewesen, aber wir fanden auch einige kleinere Spuren von Mardern und Eichhörnchen, bevor wir den Waldrand erreichten. Wobei, Wald war dafür schon fast zu viel gesagt – die Bäume standen an vielen Stellen mit recht breiten Abständen für einen klassischen Forst, aber trotzdem gab es hier offensichtlich mehr Versteckmöglichkeiten.
Wir hatten uns für diesen ersten Tag, den wir doch noch recht nah an der Zivilisation verbrachten, nicht allzu große Hoffnungen gemacht, wurden aber sehr freudig überrascht: unsere erfahrenen Spurensucher stießen doch tatsächlich auf eine Wolfsspur. Leider war sie schon recht alt und daher etwas undeutlich, aber wir waren trotzdem sofort angefixt und verfolgten sie bis auf einen Feldweg, dann diesen entlang und bis an einen steilen Hang, an dem die Tiere getrennt entlanggelaufen waren. Für uns war das ein ganz schönes Gekraxel, auf dem schmalen Tierpfad durchzukommen und nach einer Weile mussten wir es an der Stelle auch aufgeben. Immerhin hatten wir bis dahin schon mindestens vier verschiedene Spuren ausgemacht, sodass wir wussten, dass wirklich ein Rudel hier vorbeigekommen sein musste – was für ein toller Fund am ersten Tag!


Nach einer kurzen Rast zum Essen und am Tee aufwärmen zogen wir direkt weiter und versuchten unser Glück darin, über einen der nahen Wege auf die andere Seite unserer Spur zu kommen, um sie dort vielleicht wiederzufinden. Davor kamen wir noch an einem spannenden Bienenstock vorbei, der zum Schutz vor Bären auf Stelzen gebaut war und fast wie ein kleines Baumhaus aussah. Wir ließen uns aber nicht groß ablenken und stiegen eifrig den Berg hoch, weiter auf der Suche nach „unseren“ Wölfen.
Tatsächlich bekamen wir nochmal einen Teil der Spur zu sehen, die hier aber durch die Umgebung noch mehr ausgewaschen war als zuvor und entsprechend schwer zu verfolgen. Daher hätten wir auch beinahe die einzelne kreuzende Spur übersehen, die auf den ersten Blick wie einer der Wölfe wirkte. Erst bei genauerem Hinschauen fiel uns auf, dass irgendwas hier anders war… das war doch gar keine Hundespur! Wir bestimmten das Trittsiegel genauer – und siehe da: ein Luchs!


Wir konnten gar nicht glauben, dass wir direkt schon so viel Erfolg haben konnten. Auch wenn die Spuren beide nicht gerade deutlich waren, so zeigten sie doch eindrucksvoll, dass sich beide Tierarten bis an die – jetzt nicht bewohnten – Sommerhäuser herunter trauten und dass wir wirklich gute Chancen hatten, sie hier zu finden. Leider blieb uns nicht mehr viel Zeit, um die Luchsspur weiter zu verfolgen, da es schon später Nachmittag wurde und wir auch noch den Rückweg vor uns hatten. Der wurde dann etwas zu einem Gewaltmarsch, zumindest für mich, da ich die zusätzliche Anstrengung mit so viel bergigem Gelände und dem Schnee einfach nicht gewöhnt war. Aber wir kamen gut und rechtzeitig wieder zu den Autos zurück und machten uns direkt auf den Weg ins Warme.
Und damit der Eintrag nicht zu lang wird, machen wir hier Schluss für heute und ich erzähle euch einfach frech an Tag 8 von der Abendveranstaltung – ich glaube, das lasst ihr mir durchgehen, oder?


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