Nachdem der letzte Eintrag mit der Anreise dann doch etwas lang wurde, starten wir noch kurz mit dem Vorabend, bevor wir uns auf den eigentlichen achten Tag stürzen. Aber keine Sorge, es lohnt sich auf jeden Fall – bei der Auftaktveranstaltung vom Wolfsmonitoring gab es nämlich einige spannende Fakten zu Wölfen in der Slowakei zu hören. Aber lest selbst!
Kurzer Besuch beim offiziellen Wolfsmonitoring
Die Slovak Wildlife Society traf sich in einem kleinen Haus in einem Tal am Rande der Tatra und als der Raum gefühlt bis oben hin vollgestopft war, ging der Vortrag auch direkt schon los. Nach dem langen Tag hatte ich erst ein bisschen Sorge, dass mir die Konzentration schwer fallen könnte, aber es wurde schnell spannend und dann war ich wieder fit.
Wir hatten zuvor schon ein bisschen was über das Monitoring-Projekt gehört, das nun schon seit einigen Jahren in dieser Region am Laufen war, aber es war uns nicht klar gewesen, dass es als Teil der EU-Vorschriften zwecks der bedrohten Arten durchgeführt wurde. Der Fokus lag dabei auf den beiden Arten Wolf und Luchs, da sich die gemeldeten Zahlen der Jäger und Biologen vor Ort immer so stark unterschieden hatten. Dafür wurde die Gegend um Liptau als Modell ausgesucht, sodass hier auch genetische Untersuchungen zur Populationsstruktur durchgeführt werden.


(© Cornelia Hebrank, 2024)
Da so eine langfristige Untersuchung, die immer nur in den Wintermonaten einfach durchgeführt werden kann, viel Aufwand generiert, wurde hier das Carpathian Wolf Watch Programm ins Leben gerufen, bei dem Freiwillige für drei Wochen zum Aushelfen anreisen können und mit erfahrenden Führern auf die Suche gehen – also fast so wie wir. Dabei geht es um die Spurensuche und das Sammeln von Kot- und Urinproben, sodass das ganze absolut nicht invasiv ist und die Tiere davon keinerlei Auswirkungen mitbekommen.
Diese Gegend wurde dafür ausgewählt, weil sich hier in etwa zweitausend Quadratkilometern zehn Prozent der Wolfspopulation des Landes aufhalten, da das Tal zwischen drei Nationalparks liegt. Damit lassen sich hier gefundene Ergebnisse leicht auf das ganze Land hochrechnen und man kann auswerten, um wie viel die Jäger (mit ihren im Vergleich zu den Wolfsterritorien kleinen Jagdgebieten) das Vorkommen der Tiere überschätzen.
Biologisch gesehen funktioniert das Monitoring nach dem Capture-Mark-Recapture-Prinzip, was bedeutet, dass man die Populationsgröße darauf basierend ausrechnet, wie viele der gefundenen Tiere man schon aus den Vorjahren kannte vs. welche neu dazugekommen sind. Hierfür wurden immer etwa 150 Proben pro Jahr gesammelt, von denen über 70% auch tatsächlich für eine genetische Analyse genutzt werden konnten.
Sonst konnte über die letzten Jahre auch festgestellt werden, dass die Jagd, die bis 2021 im Sommer erlaubt war, die hauptsächliche Todesursache für die Wölfe dargestellt hatte – seit dem Ende der Jagderlaubnis steigen die Populationszahlen deutlich an und auf den Kamerafallen konnten auch größere Rudel nachgewiesen werden. Außerdem wurde anhand der Daten nochmal bestätigt, dass Wolf und Luchs sich nicht gegenseitig verdrängen und in über 40% der Gebiete kohabitieren, was natürlich auch für den weiteren Schutz der beiden Arten hilfreich sein wird.
Mit so vielen spannenden Informationen ging der Vortrag schnell vorbei und wenig später saßen wir dann bei einem schönen warmen Abendessen in der Pension. Da es nun schon recht spät geworden war, bekamen wir den Rest des Abends frei und richteten nur noch kurz unsere Sachen für morgen her, bevor wir erschöpft in unsere Betten kippten…
Überreste am Straßenrand
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker viel zu früh, aber da wir uns zu dritt ein Bad teilten, standen wir doch alle brav auf und waren dann pünktlich beim Frühstück. Kaum hatten wir gegessen und Proviant eingepackt, ging es mit einer kurzen Vorbesprechung weiter. Wir würden an den Rand der nördlichen, hohen Tatra fahren und dort in zwei Gruppen aufgeteilt in verschiedene Richtungen am Berghang auf einem Feldweg entlanglaufen, um dann jeweils etwas weiter unten über die Felder zum Treffpunkt zurückzukehren.
Über Nacht hatte es zu schneien angefangen und als wir auf dem Parkplatz hielten, herrschte immer noch ein leichtes Schneegestöber, das sich aber recht bald nach unserem Aufbruch legte. Auf dem Forstweg lief es sich trotz des bisschen neuen Schnees recht gut und so stapften wir den Weg entlang, wobei wir auf beiden Seiten Ausschau nach Spuren hielten. Wir brauchten auch nicht lange warten, dann bemerkte eine der Teilnehmerinnen gefrorene Blutspuren auf dem Boden. Unser Interesse war sofort geweckt und wir schauten genauer.

Zunächst waren nur zwei kleinere Blutstropfen auf dem Weg an sich aufgefallen, aber als wir uns umsahen, bemerkten wir eine Schleppspur, die den Hang hinunter führte und von Blutresten übersät war. Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen, kletterten wir daneben entlang und versuchten Abdrücke von einem Raubtier zu finden – aber das Einzige, was wir finden konnten, waren Schuhabdrücke von einem Menschen. Etwas weiter unten fanden wir dann auch noch einen kühlen Haufen von Innereien, die vermutlich einem Reh oder ähnlichem gehört hatten. Aber keine Spur vom Rest des Tieres, sowie keine Spur irgendwelcher Beutegreifer…
Wir standen vor einem Rätsel: was war hier passiert? Theoretisch konnten wir zunächst noch nicht ausschließen, dass wir es doch mit einem Raubtier zu tun hatten und der Mensch genau wie wir nur der Blutspur gefolgt war. Wenn die Überreste von einem Tier gezogen worden waren, dann konnte genau dieses Schleifen die Spuren verwischt haben. Aber dennoch musste das Tier dann irgendwo um die verbliebenen Reste weitere Trittsiegel hinterlassen haben…


(© Cornelia Hebrank, 2024)
Letztendlich verbrachten wir über eine Stunde an diesem Tatort und untersuchten sowohl die Gegend auf der anderen Seite der Straße, wo ein steiler Hang nach oben führte, als auch alles rund um die Überreste. Am Ende beschlossen wir, dass nichts von der Szene wirklich Sinn machte und dass der Schuldige daher vermutlich ein Mensch gewesen war – die verhalten sich schließlich manchmal komisch… Scheinbar hatte jemand auf der Straße sein Auto angehalten, war ein paar Schritte in beide Richtungen gelaufen, hatte dann diese Überreste ausgeladen und den Hang heruntergeworfen, dann beschlossen, dass sie noch zu nah lagen, war also hinterher gestiegen und hatte sie dann weiter nach unten außer Sicht von dem Forstweg gezerrt. Zumindest war das unsere Vermutung und würde soweit zu den Spuren passen.
Nicht wirklich zufrieden, aber wenigstens fertig mit unserer Analyse wanderten wir weiter den Weg entlang und genossen den frischen Schnee – und nach dem Hang-auf-und-ab-steigen auch das ebene Laufen. Wir befanden uns in bewaldetem Gebiet und liefen für eine Weile zwischen Nadelbäumen entlang, ohne weitere Spuren zu finden. Durch unsere Spurenanalyse war jedenfalls gut Zeit vergangen und so dauerte es gar nicht mehr lange, bis wir Mittagspause machten und warmen Tee genossen.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Und ein weiterer Todesfall
Als wir dann weiterzogen, konnten wir wieder etwas mehr von der Landschaft sehen, die wirklich schön und natürlich war – wenn auch von dichten Wolken verhangen, die schon fast wie Nebel wirkten. Ich merkte auch die Kälte trotz dem vielen Laufen, aber mit den ganzen Schichten ging es schon, zumindest solange wir ein bisschen in Bewegung blieben.
Wie morgens geplant, nahmen wir dann einen Abzweig in Richtung Tal, um ein Stück unterhalb des Forstwegs querfeldein zurückzulaufen. Das wurde deutlich anstrengender, da wir nun deutlich höheren Schnee auf den Wiesen vorfanden und auch keinen wirklich ebenen Untergrund mehr hatten. Wir suchten uns einen Waldrand aus, an dem wir mit etwas Entfernung entlangmarschierten – viele Tiere verstecken sich gerne zwischen den Bäumen, kommen aber wenigstens zum Umschauen ein paar Schritte heraus, daher hofften wir hier auf ein paar Spuren.


(© Cornelia Hebrank, 2024)
Tatsächlich fanden wir einige Liegestellen von Rot- oder Rehwild, die wohl im Schutz der letzten Bäume geruht hatten, aber sonst sah es erstmal noch mager aus. Doch dann fielen uns kleine schwarze Gestalten auf einem Feld neben einer Buschreihe auf – Kolkraben! Und zwar bestimmt zehn bis zwanzig davon! Die treffen sich auch nicht zum Spaß, also musste dort irgendetwas sein, für das sie sich interessierten.
Ebenfalls neugierig geworden, liefen wir in die Richtung und konnten schon aus einiger Entfernung etwas am Boden liegen sehen. Aus der Nähe stellte es sich als totes Rotwild heraus, das aber ziemlich unversehrt und nur leicht angeknabbert aussah – Todesursache unklar. Dieser Kadaver war auch schon komplett gefroren, lag hier also schon länger, was auch die dünne Schneeschicht bestätigte. Wieder zogen wir Kreise um den Tatort und suchten nach Spuren – dieses Mal zumindest nicht komplett umsonst!

Zwar war offensichtlich, dass es sich wieder nicht um Wölfe oder einen Luchs als Jäger handelte, aber immerhin gab es einige klare Fuchsspuren, die wir sogar ein Stück weit verfolgen konnten, bis das Tier über einen kleinen Bach gesprungen und verschwunden war. Außerdem hatten auch die Kolkraben, die uns jetzt missmutig aus einem Baum in der Nähe beobachteten, ihre Abdrücke hinterlassen und so gab es einiges für uns zum Üben.
Allerdings war es schon späterer Nachmittag geworden und wir mussten zusehen, dass wir rechtzeitig zurück zum Auto kamen. Da wir uns an den beiden Stellen zu lange aufgehalten hatten, erforderte das jetzt einen Gewaltmarsch zurück zum Parkplatz – quer durch den recht frischen Schnee auf den Wiesen. Dabei merkte ich dann doch, dass ich nicht der sportlichste Mensch bin, aber irgendwie kam ich doch mit.
Dann stellte sich noch ein kleines Bächlein in unseren Weg und wir mussten eine Stelle suchen, an der man es überqueren konnte. Ein breiterer Ast bot sich dafür an und wir balancierten nacheinander darüber. Leider stand ich wohl etwas schräg und rutschte auf dem feuchten Holz ab, sodass ich mit einem Fuß kurz zwischen zwei Astteilen stecken blieb und mir dabei nicht nur das Schienbein anhaute, sondern auch noch das Knie etwas verdrehte. Letzteres tat dann bei den nächsten Schritten noch ungut weh, aber irgendwie hielt ich durch und wir schafften es mit dem letzten Licht bis zum Auto.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Theorie und Nachbesprechung am Abend
Zum Glück musste ich für den Rest des Abends nicht mehr viel laufen und konnte mich dann beim Abendessen zumindest ein bisschen von der Anstrengung erholen – am Ende waren es halt doch gute zehn Kilometer durch den Schnee gewesen…
Aufgewärmt und umgezogen versammelten wir uns dann noch im Seminarraum, um unsere Erlebnisse zu besprechen. Die andere Gruppe stimmte uns zu, dass unser erster Fall zu komisch für Tiere war und lauschte auch beim zweiten Bericht sehr interessiert. Wir hatten alle nicht erwartet, einen Riss an sich zu finden – es ist doch eher selten, dass die Jagd gerade neben einem Weg zu Ende geht – und daher hatten wir hier das Vorgehen noch nicht genauer besprochen.
Das holten wir nun nach und lernten, wie man am besten bei einer solchen Begutachtung eines Kadavers vorgeht. Das wichtigste Gebot ist natürlich, keine Spuren zu zerstören und möglichst viele relevante Spuren zu finden. Um das gezielt machen zu können, geht man am besten hintereinander in einer Linie zum Riss, um sich einen Überblick zu verschaffen, bevor man auf der gleichen Linie wieder ein Stück zurück geht und das Beutetier in einem Kreis umrundet. Dabei sollte man alle Spuren zählen, die hinein und auch wieder heraus aus dem Kreis führen – im Idealfall natürlich direkt mit der passenden Art – sowie nach sogenannten Spurenfallen suchen, also nach verengten Stellen, die man nur schwer umgehen kann.

Nach einem kompletten Kreis hat man dann wenigstens schonmal die beteiligten Arten festgestellt und erste Ideen dazu gefunden, was passiert sein könnte. Um das weiter auszuarbeiten, geht man nun zu dem toten Tier und untersucht das genauer. Außerdem kann man nun jegliche besonders spannende Spuren innerhalb des Kreises genauer anschauen und damit weitere Informationen sammeln. Am Ende hat man hoffentlich genug Indizien gesammelt, um eine komplette Geschichte über den Ablauf zu erzählen – fast als würde man einen Mord aufklären wollen.
Mit dem Vortrag war es dann auch wieder spät geworden, sodass wir uns recht bald zum Schlafen legten, um für den nächsten Tag und die nächste Wanderung wieder fit zu sein. Bisher hatten wir ja schon viel gelernt, also waren wir sehr gespannt auf die kommenden Ausflüge…
Lust, weiter zu lesen? Ab zu Tag 9!


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