Der nächste Morgen begrüßte uns mit einem langsam aufhellenden Himmel, sodass klar war, dass uns ein sonniger Tag bevorstand. Bei der Kälte hier freuten wir uns sehr darüber, weil ein bisschen Sonne den Frost doch gleich leichter erträglich macht. Nach dem Frühstück hörten wir, dass wir direkt aufbrechen würden, weil heute eine lange Tour geplant war und wir das gute Wetter ausnutzen wollten. Also packten wir schnell unsere Sachen zusammen und machten uns mit der strahlend aufgehenden Sonne auf den Weg.

Blick auf die Berge der Tatra vom Rand einer eingeschneiten Straße (© Cornelia Hebrank, 2024)
Bei diesem Ausblick startet man doch gerne in die Wanderung des Tages
(© Cornelia Hebrank, 2024)

Ein besonderer Fund …

Der Tagesplan führte uns in ein Tal direkt im Süden von Liptovský Mikuláš, dem wir in die niedere Tatra folgten. Dabei begleitete uns das leise Plätschern eines kleinen Bächleins, das hier aus den Bergen herunterkam. Als wir dann etwas näher an den Rand gingen, um schöne Fotos von dem eingefrorenen Wasserrand zu machen, entdeckten wir sogar noch mehr als nur hübsche Natur: eine kleine Holzbrücke mit einem Trampelpfad, der auf der anderen Seite des Bachs im Wald verschwand…

Unsere Neugier war geweckt und so balancierten wir vorsichtig über das eisige Wasser und sahen uns auf der anderen Seite um. Es dauerte ein bisschen, bis wir fündig wurden, aber hinter ein paar Büschen machten wir einen Weg aus, der offensichtlich den Hang hinaufführte und damit perfekt für unseren Plan geeignet war. Wir stapften also weiter, den schmalen Pfad am Berg entlang durch die kleine Schneeschicht, die alles bedeckte und eine besondere, gedämpfte Atmosphäre mit sich brachte.

Natürlich waren wir auch durchgehend auf der Suche nach Spuren – besonders da wir hier auf dem Jägerweg bestimmt bessere Chancen hatten als unten auf dem breiten Forstweg. Es gab auch regelmäßig Abdrücke auf beiden Seiten des Weges, aber erstmal immer nur von Schalengängern, die meistens einfach nur direkt den Pfad gequert hatten. Trotzdem blieben wir natürlich aufmerksam und ein Stück weiter fing ein komischer Stein am Wegrand meinen Blick. Beim genaueren Hinschauen stellte sich heraus, dass es sich hier um einen Schädel handelte!

Da sich unsere Gruppe mittlerweile schon etwas auseinandergezogen hatte, musste ich rufen, um die anderen aufmerksam zu machen und wenig später standen wir um meinen Fund herum. Ohne Bestimmungsschlüssel waren wir allerdings nicht sicher, mit welchem Tier wir es hier zu tun hatten – von der Größe her hätte es auch ein Wolf sein können, aber für mich sahen die Zähne dafür falsch aus. Kurzentschlossen packten wir den Schädel in eine Plastiktüte und nahmen ihn mit – in der Pension hatten wir schließlich Bestimmungsbücher für so gut wie alles.

Mit der neuen Motivation ging es weiter den Berg hoch und langsam aber sicher merkte ich wieder meine nicht so perfekte Fitness. Für eine Weile lief ich am Ende der Gruppe, weil ich das stetige langsame Laufen deutlich weniger anstrengend fand als die Mischung aus flottem Anstieg und dann langer Diskussion an der nächsten Spur. Dennoch bekam ich das wichtigste mit und sah alle Spuren, auch wenn ich vielleicht etwas weniger aktiv am Suchen war wie die anderen. Aber dafür konnte ich mithalten und das war grade wichtiger.

… in einer wunderschönen Gegend …

Je höher wir am Berg entlangkraxelten, desto mehr bekamen wir auch von der Sonne mit, die sich mehr und mehr den Himmel eroberte. Im Tal lag zwar immer noch alles im Schatten, aber hier oben wurde die Stimmung immer schöner und auch der Ausblick war beeindruckend. An einer besonders schönen Stelle machten wir Halt und packten unsere selbstgemachten Lunchboxen aus – an der Schräge des Hangs ließ sich mit Unterlage auch genug Platz zum Sitzen finden.

Blick über ein bewaldetes Tal in der Tatra (© Cornelia Hebrank, 2024)
Mitten in der Natur, in einem wunderschönen Gebiet unterwegs… (© Cornelia Hebrank, 2024)

Wir verweilten aber nicht lange, auch wenn die Sonne durchaus gut tat, weil es sich dann nicht gar so kalt anfühlte. Der schmale Pfad wurde immer enger und immer weniger ausgetreten, sodass sich das Laufen langsam aber sicher mehr wie Klettern anfühlte. Trotzdem zogen wir weiter, schließlich wollten wir eine Runde durchs Tal schaffen und mussten dafür noch ein ganzes Stück weiterkommen.

Als Belohnung erspähten wir aus dem Augenwinkel eine Bewegung am Hang schräg über uns und hielten an, um einen Hirsch in der Ferne genauer zu betrachten. Durchs Fernglas sah der eindeutig ausgewachsene Herr mit seinem Geweih ziemlich imposant aus – aber da war doch noch etwas… Tatsächlich fanden wir am Ende vier prachtvolle Tiere, von denen der eine ein riesiges Geweih trug – so ein Prachtexemplar hatte ich noch nicht gesehen! Sie knabberten am niedrigen Gesträuch und liefen dann aus unserem Blickfeld, aber es war eine wirklich tolle Beobachtung gewesen.

Wir zogen also auch weiter und stiegen weiter den steilen Hang hoch, als plötzlich der Ruf kam, dass es Pfotenspuren gab! Alle versammelten sich um den Abdruck, der eindeutig von einem großen Caniden stammen musste. Hatten wir jetzt endlich wieder eine Wolfspur gefunden? In den nächsten Minuten machten wir mehrere der Abdrücke am Rand unseres Weges aus – die Tiere schienen dem Weg klar gefolgt zu sein. Aber was war das neben der vermeintlichen Wolfsspur? Ein alter Schuhabdruck, direkt hier auf unserem Weg?

Und so lernten wir, dass einer der schwierigsten Punkte bei der Suche nach Wolfsspuren die Menschen mit ihren Hunden sind. Offensichtlich war vor einigen Tagen hier mindestens ein Mensch entlanggelaufen und jetzt konnten wir nicht mehr sicher sein, ob die Pfoten tatsächlich einem Wolf gehört hatten oder doch eher einem Hund. An einem Abdruck allein kann man keine Unterschiede zwischen den beiden treffen, und während ein Wolf durchaus auch menschlichen Wegen folgen kann, ist dieses Verhalten erstmal typisch für einen Hund, der mit seinem Besitzer unterwegs ist…

Wenig später hatten wir das Ende des Pfades erreicht und kamen auf einem breiten Forstweg raus, was vermutlich auch erklärte, warum hier noch jemand unterwegs gewesen war – von dieser Seite war das Stück Hang deutlich bequemer zu erreichen, aber wir hatten immerhin ein schönes Wander-Abenteuer gehabt!

Nun ging es komplett in der Sonne weiter und auf dem Forstweg lief es sich auch deutlich leichter, sodass wir schneller vorankamen und nebeneinander laufen konnten. Wir unterhielten uns über Bären, die in dieser Gegend durchaus auch vorkamen, und bekamen eine Geschichte erzählt von einem dieser Tiere, das sich über einen ausgelegten Rehkadaver hergemacht hatte. Zum Glück waren aber zumindest heute keine Bären zu sehen.

Blick auf den Forstweg am Berg entlang (© Cornelia Hebrank, 2024)
Der Forstweg ist schon deutlich bequemer, aber auch nicht mehr gar so schön mitten in der natürlichen Landschaft integriert (© Cornelia Hebrank, 2024)

Dafür kamen wir an einer Art kleinen Hütte vorbei, die mit Heu gefüllt war und als Futterstelle für die Hirsche dienen mochte. Eigentlich lag nicht genug Schnee, dass die Tiere hier Unterstützung durch den Menschen gebraucht hätten, aber damit konnten die Jäger sie auch zur Zählung weiter von den Bergen herunterlocken.

… an einem wirklich anstrengenden Tag

Mittlerweile waren wir auch wieder auf dem Abstieg und hatten den höchsten Punkt des Tages hinter uns gelassen, als wir an eine Abzweigung des Forstwegs kamen. Da wir bisher noch keine sicheren Spuren gefunden hatten, beschlossen wir, noch ein Stück weiter ins hintere Tal zu gehen und zu schauen, ob wir vom Weg aus noch etwas entdecken konnten. Ein bisschen Zeit blieb uns noch, bis es wieder dunkel werden würde.

Aber auch so wurde das Tal nun enger, mit richtig steilen Felsenklippen auf beiden Seiten und damit war es mit der Sonne vorbei. Wir merkten die Kälte auch direkt – nicht nur daran, dass uns wieder kälter wurde, sondern auch an den krassen Auswüchsen von Eiszapfen um uns herum. Die Atmosphäre hier war direkt eine etwas andere und der Winter hatte uns mit seiner vollen Macht eingeholt.

Eiszapfen an einem Felsen am Wegrand (© Cornelia Hebrank, 2024)
Wie wär’s mit ein paar Eiszapfen? (© Cornelia Hebrank, 2024)

Entsprechend lag hier auch mehr Schnee und nach mittlerweile fast zehn Kilometern Strecke fing mein Knie an, sich ein bisschen bemerkbar zu machen. Ich war ja schon froh, dass es so lange und so gut durchgehalten hatte und achtete nun also noch mehr darauf, es so gut wie möglich zu schonen. Bald war es dann eh soweit: wir hatten noch ein paar Marder- und Fuchsspuren entdeckt und waren denen bis an das Bächlein gefolgt, aber von Wölfen war nichts zu sehen. Also drehten wir um und machten uns auf den Rückweg zum Auto.

Obwohl es nun „nur noch“ den Forstweg nach unten ging, waren es noch etwa fünf Kilometer im Schnee, die wir zu bewältigen hatten. Wir durften zwar auch nicht mehr trödeln, aber hielten doch noch ein paar Mal an vielversprechenden Stellen an, um weitere Spuren von Reh- und Rotwild oder kleineren Tieren zu betrachten. Am Ende waren wir doch erst mit der einbrechenden Dunkelheit am Auto – und ziemlich gut durchgefroren.

Blick in ein enges Talstück mit Forstweg und Felsen (© Cornelia Hebrank, 2024)
Ein letzter Blick auf das hintere Ende des Tals, bevor wir umdrehen mussten
(© Cornelia Hebrank, 2024)

Zurück in der Pension genossen wir die allabendliche Suppe, die einfach so schön von innen aufwärmte, samt dem leckeren Abendessen, bevor wir uns anschließend mit warmem Tee zur Nachbesprechung im Seminarraum versammelten. Viel gab es nicht mehr zu tun, aber zumindest den Schädel wollten wir noch bestimmen. Den Wolf konnten wir (leider) direkt ausschließen, nachdem wir die Zähne mit dem Buch verglichen, aber wir brauchten dann doch etwas, bis wir schließlich das passende Bild fanden: Wildschwein. Wann und woran das Tier gestorben war, ließ sich nun natürlich nicht mehr sinnvoll bestimmen, aber immerhin. Nachdem sich auch keiner von uns dafür begeistern ließ, den Schädel als Deko mit nach Hause zu nehmen, fassten wir den Beschluss, ihn am nächsten Tag einfach wieder in der Natur zu hinterlassen.

Damit war schon die Hälfte unserer Zeit in der Slowakei vorbei! Ich war zwar einerseits wegen der Anstrengung der letzten Tage und meinem nicht ganz glücklichen Bein ganz froh, dass wir nicht noch viel mehr solche Wanderungen haben würden, aber andererseits war das hier schon ein ganz besonderes Erlebnis. Und ich war froh, dabei sein zu können und nahm mir vor, so viel wie möglich davon mitzunehmen. Mit diesen Gedanken schlief ich dann auch schnell ein, um mich in der eh zu kurzen Nacht möglichst gut zu erholen…

Lust, direkt weiter zu lesen? Ab zu Tag 10!


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Veröffentlicht von

Eine Antwort zu „Workshop Wolf – Tag 9: Tolles Tal mit tollem Wetter“

  1. Avatar von ritahebrank
    ritahebrank

    Wunderbare Fotos und erzählt zum ‚mitreisen‘.

    Danke dir

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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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