Am nächsten Morgen ging es mir nochmal besser und als es dann beim Frühstück hieß, dass der heutige Ausflug recht Weg-gebunden werden würde, stand mein Entschluss fest: ich würde den letzten Tag mitgehen! Die Gruppe freute sich für mich mit und es war schön, als Abschluss nochmal gemeinsam unterwegs sein zu können. Gut gelaunt packten wir also unser letztes Wander-Mittagessen zusammen und machten uns wenig später auf den Weg.

Das Wetter wollte allerdings nicht mehr so recht – es war feuchtkalt und fast ein bisschen Tau-Wetter, sodass der Schnee etwas matschiger wurde und wir nur hoffen konnten, dass unsere Schuhe unter den Gamaschen nach der ganzen Belastung der letzten Tage weiterhin wasserdicht bleiben würden…

Ab ins Tal der Spuren

Doch Wetter hin oder her, davon ließen wir uns natürlich nicht den Tag verderben. Vom Parkplatz aus stapften wir erstmal ein Stück weit die Straße entlang, bis wir dann in das Tal abbiegen konnten, das das Ziel unserer heutigen Tour war. Schon von oben sah die Landschaft spannend aus und hatte eine besonders ruhige Atmosphäre, die vermutlich auch durch die niedrig hängenden Wolken-Nebel-Gemische ausgelöst wurde.

Ein Blick auf ein stark verschneites Tal mit Bäumen und Wolken (© Cornelia Hebrank, 2024)
Der morgendliche Blick auf das Tal, das noch durch Wolken verschleiert wird, aber die super schöne Atmosphäre schon richtig gut rüberbringt (© Cornelia Hebrank, 2024)

Es wirkte fast falsch, dass die Bäume gar keinen Schnee mehr trugen, wenn wir uns noch vor zwei Tagen im kompletten Winter-Wunderland wiedergefunden hatten… Aber nun blieb uns nur noch die letzte Schicht auf dem Boden, die auf dem Forstweg, dem wir heute durchgehend folgen würden, schon ziemlich dünn geworden war. Neben dem Weg war aber noch genug Schnee vorhanden, dass wir uns Hoffnungen auf gute Spuren machten.

Tatsächlich konnten wir bald feststellen, dass unsere Hoffnungen nicht enttäuscht werden würden: durch den feuchten Schnee waren die Spuren heute viel deutlicher zu erkennen als in den letzten paar Tagen. Das mussten wir natürlich ausnutzen – egal von wem die Spuren gemacht wurden – um noch mehr zu lernen. Also folgten wir den Hüpfern eines Eichhörnchens quer über den Weg und bis zum nächsten Baum, bevor wir erklärt bekamen, wie man bei Rotwild sogar das Geschlecht der Tiere an den Spuren erkennen kann: durch das Geweih brauchen die Hirsche vorne größere Hufe als hinten, da die Gewichtsverteilung bei ihnen deutlich ungleicher ist als bei den weiblichen Tieren. Wenn man also einen deutlichen Größenunterschied zwischen den Abdrücken eines einzelnen Tieres findet, dann ist es wohl ein Hirsch. Anhand der vielen Querungen, die hier stattgefunden hatten, konnten wir das auch klar vergleichen und hatten somit wieder etwas gelernt.

Und so ging es dann ein ganzes Stück lang weiter: wir liefen über die ganze Breite des Weges verteilt und schauten uns die verschiedenen Spuren an. So fanden wir noch einen Marder, einen Fuchs und ein Wildschwein mit Frischlingen – also hatten wir nach nicht mal zwei Stunden schon mehr, und klarere, Spuren gefunden als an den letzten Tagen insgesamt!

Aber wir waren noch lange nicht fertig und blieben aufmerksam, sodass wir uns bald um einen großen Pfotenabdruck versammelten, um gemeinsam zu entscheiden, dass wir hier einen Luchs gefunden hatten. Die schönen, großen Pranken liefen fast parallel zu unserem Weg dahin und wir konnten der Spur ein ganzes Stück folgen, bis sie weiter nach unten aus unserem Blick verschwand. Es gab eine kurze Diskussion, ob wir den Luchs trailen sollten, aber nachdem unser Weg später unten im Tal zurückführen würde, wollten wir lieber noch ein Stück weiter schauen. Vermutlich würden wir die Spur auf dem Rückweg nochmal erwischen und dann konnten wir immer noch schauen, wie es zeitlich aufging…

Was für eine gute Entscheidung! Wenn wir dort schon abgebogen wären, dann hätten wir nämlich die Spuren der drei Wölfe verpasst, auf die wir nur wenige Minuten später stießen. Auch diese Tiere waren hier nur vorbeigekommen – wir fanden eine Stelle an einem Baum, an der sie gescharrt und markiert hatten und die Spuren führten ein ganzes Stück weit auf dem Weg entlang, bevor auch sie weiter nach unten ins Tal abbogen. Das allein führte schon dazu, dass sich der Tag gelohnt hatte und ich extrem glücklich war, heute nochmal mitgegangen zu sein.

Wieder war unserer Gruppenleiter überzeugt, dass wir diese Spuren auf dem Rückweg erneut antreffen würden und daher zogen wir weiter, um auch noch das letzte Stück weiter abzusuchen. Es gab noch einige andere Spuren zu entdecken, aber nichts, was wir nicht schon gefunden hatten, und dann wurde es etwas lichter und der Schnee noch weniger, sodass wir ein Stück weit einfach nur durchlaufen konnten.

Dann kamen wir an einer kleinen Hütte vorbei, in der man als Wanderer in wärmeren Jahreszeiten auch hätte übernachten können, und nutzten die Sitzgelegenheiten für eine kurze Pause und unsere Mittagsrast. Durch die heute wirklich unangenehme Kälte hielten wir es aber nicht lange aus und zogen bald weiter, um auf dem Rückweg bei der zweiten Hälfte unserer Runde nach weiteren Spuren Ausschau zu halten.

Forstweg durch den Wald mit Schneeresten (© Cornelia Hebrank, 2024)
Zwischendurch wurde das Wetter etwas besser – wenn auch nicht lange – und wir wanderten durch einen hübschen Wald (© Cornelia Hebrank, 2024)

Das letzte Stück durch den Schnee

Auch vom unteren Weg aus hatten wir immer noch einen wunderschönen Ausblick durch dieses ruhige Tal – die tiefhängenden Wolken machten eine besondere Atmosphäre aus und zeigten die natürliche Schönheit der Gegend. Schnell fiel uns eine neue Spur ins Auge: auf diesem Forstweg war vor uns schon ein Mensch mit einem Hund unterwegs gewesen. Letzterer hatte zum Glück etwas kleinere Pfoten als unsere gesuchten Wölfe, aber das machte die Spurensuche anstrengender.

Trotzdem dauerte es nicht allzu lange, bis wir wieder auf drei Wolfsspuren stießen, die sehr gut zu der Richtung passten, aus der wir unsere vorherigen Spuren vermuteten. Nachdem wir den Spuren ein Stück weit in den Schnee auf der Seite des Weges gefolgt waren, konnten wir auch sicherstellen, dass diese nicht von einem Hund kommen konnten. Also ging das Trailing wieder los und wir folgten den Tieren, die gefühlt kreuz und quer über und um den Weg herum unterwegs gewesen waren. Beinahe hätten wir vor lauter Wolfsspuren den Luchs übersehen, dessen Spuren ebenfalls nochmal vorbeikamen und die Wölfe kreuzten. Leider konnten wir durch die Konsistenz des Schnees nicht sicher sagen, ob die Tiere sich hier in echt getroffen hatten oder wie viel Zeit dazwischen vergangen war – wir wussten nur, dass beide Arten in der letzten Nacht herumgelaufen waren.

Die Gegend um uns herum änderte sich auch etwas und wir sahen immer mehr Felsen mit kleinen Höhlen und Ausbuchtungen in der Nähe eines kleinen Baches. Das ist der eindeutige Vorteil beim Spurenlesen: da läuft einem nichts mehr davon und man kann sich Zeit zur Untersuchung nehmen. So beobachteten wir eine Wasseramsel, die in einer kleinen Höhle ihr Nest gebaut hatte und von dort mehrfach an den Bach flog, bevor wir den Spuren weiter folgten.

Als wir dann um eine Kurve kamen, fanden wir den Jackpot des Wolfsmonitorings: einen Haufen relativ frischen Kots, der eindeutig passend zu den Spuren lag. Darauf hatten wir seit der ersten richtigen Wanderung gewartet! Das mag vielleicht erstmal etwas komisch wirken, dass wir uns so sehr über einen Wolfshaufen freuten, aber wenn ihr euch noch an den Vortrag vom ersten Abend in der Slowakei erinnert, dann versteht ihr warum. Das Monitoring-Projekt bestimmt die Anzahl der Wölfe anhand der genetisch nachgewiesenen Individuen, die sie jedes Jahr wieder antreffen. Also sind frische Kotspuren mit das wichtigste Mittel, da man von diesen eine Probe nehmen kann, die dann wiederum im Labor einem individuellen Wolf zugeordnet werden kann.

Genau das machten wir dann auch – das Probestäbchen wurde gezückt und ein Stückchen in das Proberohr überführt, dann der Ort per GPS-Gerät festgehalten und die Probe passend gelabelt. Ein voller Erfolg für unseren heutigen Ausflug! Außerdem schauten wir uns die Stelle natürlich noch genauer an, da die anderen Wölfe hier auch viel herumgelaufen waren und es daher ein reines Spurenchaos gab. Es war auf jeden Fall echtes Glück, dass sie gerade hier gekotet hatten, denn kaum dass wir um die nächste Kurve gelaufen waren, setzten sich die Wolfsspuren den steilen Hang hinunter ab und verschwanden aus unserem Sichtfeld.

Mit der ganzen Aktion und dem Folgen der Spuren war außerdem ordentlich Zeit vergangen und es drohte schon langsam dunkler zu werden, sodass wir uns für den Rest des Rückwegs ganz schön ranhalten mussten. Hierbei ging es auch noch bergauf, und das sorgte recht schnell dafür, dass ich wieder an meine Grenzen kam – mein Knöchel fing wieder an wehzutun und der Aufstieg wurde schwerer. Aber auch hier machte die Umgebung alles besser: als wir ein gutes Stück geschafft hatten, blickten wir zurück und fanden eine märchenhafte Landschaft vor, die mittlerweile mit Nebel überzogen war und fast fantastisch wirkte…

Ein Blick hinunter ins eingeschneite Tal mit leichten Nebelschwaden und der Bergkette im Hintergrund (© Cornelia Hebrank, 2024)
Gegen Abend wurde die Stimmung noch schöner, als ein sanfter Nebel aufzog, und wir konnten uns bildlich vorstellen, wie die Wölfe durch diese Landschaft wanderten – auch wenn wir sie leider nicht direkt erspähen konnten… (© Cornelia Hebrank, 2024)

So mühte ich mich dann auch noch den Rest des Berges hoch, wo wir einen letzten Blick zurück warfen, bevor wir die Straße entlang zum Parkplatz stapften. Dabei gingen uns viele Gedanken durch die Köpfe, da jeder ein bisschen den Erlebnissen dieser Woche hinterherhing, während es immer dunkler wurde. Trotzdem kamen wir noch vor der echten Dunkelheit bei den Autos an und waren wenig später wieder in der Pension, wo uns das warme und aufwärmende Abendessen schon erwartete.

Blick auf die Berge über dem verschneiten Weg (© Cornelia Hebrank, 2024)
Ein letzter Blick nach hinten, bevor wir die Straße erreicht hatten (© Cornelia Hebrank, 2024)

Letzter gemeinsamer Abend vor der Heimreise

Dort blieb uns auch nicht viel Zeit, unsere doch etwas klamm gewordenen Füße wieder warm und trocken zu legen, da für den Abend noch ein letztes Highlight der Reise anstand: wir würden einen Naturfilm über diese Gegend ansehen und dann einen der Kameramänner dazu befragen dürfen. Unser Gruppenleiter hatte nicht nur gute Kontakte zu der Film-Gruppe, sondern würde auch für uns übersetzen.

Einen der Filme hatten wir ja schon in Deutschland als Vorbereitung gesehen, aber auch dieser zweite Film hatte wieder atemberaubende Naturaufnahmen mit Bären, Steinböcken und diversen Vögeln – und natürlich der bezaubernden Szenerie der Tatra-Berge. Falls ihr neugierig geworden seid, dann könnt ihr euch ja mal die Bilder von Arolla Film anschauen oder ihren YouTube-Kanal für die Trailer dazu besuchen (allerdings alles auf Slowakisch).

Die Erzählungen von den tage- bis wochenlangen Ausflügen in die Wildnis, die die Kameramänner dafür auf sich nahmen, waren auch krass. Von Begegnungen mit Bären, bei denen man sich nur noch platt auf den Boden werfen konnte, bis hin zu lustigen Erlebnissen, bei denen Wölfe die Menschen gerochen und weitläufig umgangen waren, war alles dabei. In der Slowakei konnten die Männer mit ihren Filmen auch schon auf wichtige Naturschutzthemen zu der Tatra aufmerksam machen und die Filme sowie Bücher dazu sind nun auch auf Englisch verfügbar.

Mit dieser guten Unterhaltung wurde es natürlich schnell spät und bald mussten wir in unsere Zimmer, um alles für die morgige Abreise zu packen. Die meisten von uns mussten schon recht früh wieder los, um die lange Fahrt zurück nach Deutschland anzutreten. Trotzdem wurde noch viel gequatscht, da wir uns nach nun schon zwei Wochen zusammen halt doch recht gut kennengelernt hatten. Auch beim letzten gemeinsamen Frühstück wurden noch alle möglichen Themen besprochen, bis der unvermeidliche Abschied gekommen war und wir aufbrechen mussten.

Für das erste Stück der Zugfahrt waren wir dann aber doch noch zu dritt, bis wir uns in Bratislava verabschiedeten und ich alleine nach Wien weiterfuhr, um von dort aus das letzte Stück zu starten. Der slowakische Zug war dabei absolut pünktlich unterwegs und wir bekamen sogar noch ein Wasser geschenkt, aber in Wien blieb ich natürlich erstmal stecken, da mein deutscher ICE – wer hätte das gedacht – Verspätung hatte! Sowas ist man aber ja schon gewöhnt und immerhin konnte ich im Café am Hauptbahnhof auch meinen Fuß entlasten, also na ja…

Bratislava - aus dem Zug gesehen (© Cornelia Hebrank, 2024)
Ein Blick auf Bratislava aus dem Zugfenster (© Cornelia Hebrank, 2024)

Am Abend war ich dann wenigstens wieder zurück in Nürnberg und damit war meine Reise und das spannende Erlebnis des Workshop Wolf vorbei. Wie ihr vermutlich schon in den Einträgen mitbekommen habt, war es eine wirklich interessante und besondere Zeit, auch wenn sie nicht immer ganz einfach war. Trotzdem bin ich froh, diese Erfahrung gemacht zu haben und werde mich noch lange an die tollsten Teile der zwei Wochen erinnern.

Und damit ist auch diese Reihe vollständig und abgeschlossen. Danke fürs Lesen!


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Veröffentlicht von

Eine Antwort zu „Workshop Wolf – Tag 12: Schöne Spuren zum Abschluss“

  1. Avatar von ritahebrank
    ritahebrank

    Eine wunderschöne Landschaft dort.

    Es ist so interessant sich die Fußabdrücke anzuschauen, die sind im Schnee super gut zu erkennen.

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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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