Vögel sind immer so eine Sache, besonders in Afrika: es gibt sehr viele und sehr verschiedene, aber durch ihre Größe bekommen sie häufig deutlich weniger Aufmerksamkeit ab als die großen Säugetiere. Und bei Geiern gibt es dann noch das Problem, dass diese Aasfresser häufig eher negativ angesehen werden – und das, obwohl sie ein absolut wichtiger Teil des natürlichen Kreislaufs sind.
Das typische Bild vom Geier ist dabei die Schar der Kreise ziehenden Vögel, die einem armen verhungernden Wanderer durch die Wüste folgen und nur darauf warten, ihn zu verspeisen. Tatsächlich gibt es aber in fast allen Regionen der Welt Geier und diese leben häufig viel unauffälliger als ihre Film-basierten Kameraden und sind dabei zwar durchaus frech, aber eigentlich nur selten gefährlich…


Eine wichtige Position im Kreislauf der Natur
Fangen wir doch erstmal mit der Gruppe der Geier im Generellen an. In natürlichen Ökosystemen gibt es grundsätzlich einen Kreislauf des Lebens, in dem – sehr vereinfacht gesprochen – Pflanzen von Tieren gefressen werden, die dann irgendwann sterben und durch die Verwesung wieder Dünger für die Pflanzen werden. Offensichtlich gibt es dabei deutlich mehr Schritte und an jedem davon sind verschiedenste Arten beteiligt, aber am Ende geht es mir gerade darum, dass es einen vollständigen Kreislauf gibt.
Und der Teil dieses Kreislaufs, der immer als erstes vergessen oder als unappetitlich und uninteressant abgestempelt wird, ist die Verwesung. Wenn man das einfach so sagt, dann wirkt das wie ein großer Prozess, aber eigentlich gibt es gerade hier ganze viele kleine Teile und auch Tierarten, die zusammenspielen, um sozusagen den Abfall der Natur wieder aufzuräumen.

Ein wichtiger Teil davon sind die Geier. Durch ihre ausgezeichneten Augen und einen unvergleichlichen Weitblick sind sie (und andere Aas-fressende Vögel) häufig die Ersten, die frisches Futter finden. Viele andere Arten wie Hyänen und Füchse folgen daher auch gerne den kreisenden Anzeigen und finden Kadaver auf diesem Weg. Klar, das ist für diese Fleischfresser natürlich hilfreich, aber so wichtig klingt das jetzt noch nicht, oder?
Dafür müssen wir noch einen Schritt zurücktreten und das Gesamtbild anschauen. Die Verwesung an sich wird viel durch Bakterien und auch Insekten vorangetrieben, die aber bei einem frischen Kadaver nicht unbedingt an alle relevanten Stellen kommen können – so eine Tierhaut ist ja schon ziemlich dick und dicht. Wenn nun größere Aasfresser wie die Geier mit ihren scharfen Schnäbeln entsprechende Löcher aufbrechen, dann können auch die kleineren Helfer mit ihrer Verarbeitung weitermachen.

(© Cornelia Hebrank, 2016)

(© Cornelia Hebrank, 2016)
Doch nicht nur dafür sind Geier gut, sie helfen auch noch beim Eindämmen von Krankheiten. Ist das Tier nämlich an einer solchen gestorben, dann kann diese noch weiter auf andere Artgenossen übertragen werden – aber nicht auf Geier. Die haben nämlich ein besonders kräftiges Verdauungssystem, das die meisten Krankheitserreger abtötet. Und wenn sich andere, krabbelnde Parasiten von dem Kadaver an den Geier hängen wollen, dann erreichen sie nur deren kahlen Kopf und Hals. Wenn sich der Geier dann wenig später ausgiebig putzt – denn es sind sehr reinliche Tiere – dann haben auch diese Parasiten schlechte Chancen…
Fast ausgerottet und unbeliebt
Leider ist diese nützliche Funktion der Tiere oft nicht bekannt und in vielen Kulturkreisen werden sie stattdessen als schlechtes Omen angesehen. Außerdem spielen verschiedene Körperteile von Geiern auch eine Rolle in der traditionellen Medizin im südlichen Afrika und werden als sogenannte Muthi verwendet.
Früher wurden die Tiere dafür speziell und einzeln gejagt, was für die Populationen durchaus zu verkraften war, aber mittlerweile werden sie entweder erschossen oder vergiftet. Besonders spannend daran fand ich, dass sogar die traditionellen Medizinleute mit diesem Vorgehen Probleme haben, da bei ihren Praktiken Teile der Geier verzehrt werden und damit im Zweifel auch die Menschen unter dem Gift leiden…


Leider hat diese Erkenntnis trotzdem noch nicht dazu geführt, dass keine Geier mehr an Vergiftungen sterben. Es kommt immer noch regelmäßig vor, dass ganze vergiftete Kadaver ausgelegt werden – dort sammeln sich dann viele der umgebenden Geier und so können über hundert Tiere gleichzeitig ermordet werden. Zum Teil sind hierbei die Geier gar nicht das Ziel der Aktion, sondern stattdessen sollen die großen Raubtiere damit vergiftet werden, aber die Absicht schützt die großen Vögel halt auch nicht.
In Kombination mit den Auswirkungen von Bleivergiftungen aus mit Schrotflinten erschossenen Kadavern oder den Überresten von Medikamenten aus Nutztieren machen Vergiftungen den größten Teil der Todursachen von Geiern aus. Und so sind über die letzten etwa zwanzig Jahre über 70% der Brutpaare in Südafrika verschwunden. Einige der Geierarten sieht man heutzutage kaum noch, obwohl sie früher ständig anzutreffen waren.
Deswegen sind auch Geier mittlerweile eine der Fokusarten von Wildlife ACT, die sogar ein eigenes Projekt in den Drakensbergen bekommen haben, da es dort auch viele Brutplätze gibt. Außerdem rückt das Emergency Response Team aus, wenn irgendwo ein verdächtiger Kadaver auftaucht, und versucht diesen zu entfernen, bevor die Geier davon fressen. Als weitere Unterstützung werden außerdem sichere Futterzonen eingerichtet, an denen aktiv Kadaver ausgelegt werden, sodass die Geier lernen, dass es dort gutes Futter gibt – und die Menschen wissen, dass es so zumindest zu weniger Vergiftungen kommen kann.

Wenn an einer vergifteten Futterstelle betroffene Tiere gefunden werden, dann wird diesen Geiern natürlich auch geholfen, damit einfach so viele Tiere wie möglich überleben. Sie dürfen sich dann in Auffangstationen erholen, bevor sie wieder ausgewildert werden. Zusätzlich bekommen solche geretteten Tiere häufig GPS-Tracker aufgesetzt, um gleichzeitig mehr über die verschiedenen Geierarten zu lernen und sie damit besser schützen zu können.
Und was kreist da oben?
Jetzt habe ich grade schon erwähnt, dass es da ganz verschiedene Arten gibt, und tatsächlich ist die Vielfalt an Geiern für ihre Position im Ökosystem ebenfalls wichtig. Die unterschiedlichen Geier übernehmen beim Fressen nämlich verschiedene Aufgaben, da manche eher am Aufbrechen der Kadaver beteiligt sind, während andere die Fetzen weiter verkleinern und sich mehr am Rand des Festmahls aufhalten.
Aber alle davon sieht man am Häufigsten elegant in der Luft ihre Kreise ziehen, da sie mit ihren scharfen Augen aus der Höhe immer auf Ausschau nach Futter sind – oder nach anderen Geiern, die sich in den Sturzflug begeben. So kommt es häufig vor, dass man große Ansammlungen von Geiern an einem Kadaver antrifft, weil einer der Vögel es entdeckt hat und dabei von einigen anderen beobachtet wurde, die wiederum von weiteren beobachtet wurden und so weiter. So kommen Geier teilweise aus mehreren Kilometern Umkreis an einem Kadaver zusammen. Doch wen kann man dabei entdecken?


(© Cornelia Hebrank, 2024)
Am meisten habe ich von den Weißrückengeiern (White-backed Vulture) gesehen, die in Südafrika mit ungefähr 4000 Brutpaaren noch am häufigsten vorkommen. Daher sind auch die meisten Fotos in diesem Eintrag von dieser Art, obwohl auch sie schon als vom Aussterben bedroht gelistet sind. Weißrückengeier sind in Afrika weit verbreitet und eine mittelgroße Geierart, die gerne wenige Stunden nach Sonnenaufgang mit dem Kreisen anfangen und aus Höhen von 200 bis 500 Metern nach Futter Ausschau halten. Während ihre Schnabel nicht die kräftigsten sind, können sie durch deren schlanke Form und ihre langen Hälse aber gut tiefer nach leckeren Innereien graben, die ihre Leibspeise sind. Häufig findet man Weißrückengeier in größeren Gruppen und sie nisten auch nahe beieinander in Bäumen.

(© Cornelia Hebrank, 2024)

(© Cornelia Hebrank, 2016)
In Südafrika findet man außerdem noch die Kapgeier (Cape Vultures), die nur noch in bestimmten Bereichen im südlichen Afrika vorkommen. Da sie an steilen Felsklippen oder Schluchten nisten, sind sie in vielen Regionen seltener geworden. Sie haben etwas kräftigere Schnabel und können damit auch Haut aufreißen, sind aber wie praktisch alle Geier vor allem an das Fressen aus dem Inneren der Kadaver angepasst.
Der große Ohrengeier (Lappet-Faced Vulture) ist davon vermutlich die klarste Ausnahme, da er als einziger wirklich alles an Haut zerreißen kann und aufgrund seiner imposanten Größe meist der dominanteste Geier am Futterplatz ist. Dafür sind Ohrengeier eher in kleineren Gruppen anzutreffen und bevorzugen offene, wüstennahe Gebiete über Gegenden mit Büschen und Bäumen.
Außerdem gibt es noch Wollkopfgeier (White-Headed Vulture) und Kappengeier (Hooded Vulture), die beide vom Aussterben bedroht und mit nur etwa 100 Brutpaaren in Südafrika so selten sind, dass ich sie noch nicht zu Gesicht bekommen habe und leider auch nicht viel über sie weiß…
Und abschließend kommt auch der Bartgeier (Bearded Vulture) in Südafrika vor, den wir als einzigen dieser Liste auch hier in Europa treffen können und den ihr vermutlich am ehesten schon mal selbst im Zoo oder bei einer Greifvogelvorführung gesehen haben könntet. Dieser Geier hat nicht den typischen nackten Geierhals, sondern ist überall befiedert und damit im afrikanischen Vergleich eher untypisch.

Tatsächlich findet man also die meisten afrikanischen Geier auf der roten Liste als vom Aussterben bedroht, und auch wenn einzelne Arten noch „nur“ unter bedroht fallen. Das zeigt doch ganz klar, dass wir hier ein Problem haben, das wir dringend angehen müssen, um nicht in einer Situation zu enden, in der diese wichtigen natürlichen Aufgaben von keinem Tier mehr übernommen werden können.

Entsprechend hoffe ich, dass ich euch zeigen konnte, was diese Gruppe von Vögeln so besonders und schützenswert macht, und dass ihr zumindest noch was Interessantes gelernt habt. Und vielleicht seht ihr Geier in Zukunft ja mit etwas anderen Augen oder wollt euch auch an deren Schutz beteiligen (da empfehle ich wie immer Wildlife ACT, auch wenn ich selbst noch nicht beim Geierschutzprojekt ausgeholfen habe, sondern nur bei deren genereller Monitoring-Arbeit – immerhin weiß ich, dass die Leute dort für das stehen, was sie tun). Sonst lasst mich auch gerne noch wissen, wie ihr diesen Ausflug in die Vogelwelt fandet, und ob ihr da auch gerne mehr wissen wollt.


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