Im vergangenen Jahr haben wir uns ja schon viele afrikanische Arten etwas genauer angeschaut und nun ist es Zeit, den Fokus mehr auf unsere einheimischen Tiere zu richten. Und mit was könnte ich da besser starten als mit den Wölfen? Sie sind nicht nur ein Symbol der Natur und Wildnis, sondern auch regelmäßig Thema erhitzter Diskussionen – und verhaltensbiologisch gesehen durch ihre Rudelstrukturen super interessant.
Doch was macht so ein Wolfsrudel eigentlich aus? Und wieso gibt es sie jetzt plötzlich wieder überall? Ist das nicht gefährlich? Rund um den Wolf lassen sich schnell viele Fragen finden und häufig ist die Antwort eher politisch motiviert als wirklich auf Fakten basierend. Also schauen wir uns die Art doch einfach mal mit einer biologischen Brille an…
Leben und Aufwachsen im Rudel
Dazu starten wir am besten am Anfang: wie ein neues Rudel entsteht. Dafür brauchen wir ein Wolfspaar, das ein unbesetztes und nutzbares Revier gefunden hat – davon gibt es aktuell einige in Deutschland. Die beiden paaren sich im Winter und dann wird eine Wurfhöhle gebuddelt, in der die Welpen geschützt geboren werden können. Während die Mutter die ersten Tage auf die Kleinen aufpasst, kümmert sich der Vater um ausreichend Nahrung für die kleine Familie, darf aber selbst nicht in die Höhle kommen, sondern nur das Futter vorbeibringen.
Wenn die Kleinen dann wenige Wochen alt sind, fängt die große Erkundung an. Sie kommen aus der Höhle gestolpert und schauen sich in der weiten Welt um. Nun können beide Elternteile wieder jagen gehen, während die Welpen an einem Rendezvous-Platz auf sie warten und sich nun auch von vorverdautem und wieder hochgewürgtem Futter ernähren. Mit der Zeit werden sie größer und flinker und folgen dann bald ihren Eltern durchs Revier – das Rudel ist geboren.

(© Cornelia Hebrank, 2024)

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Ein Rudel ist also nichts anderes als eine Wolfsfamilie, mit den Elterntieren als Oberhaupt und den Jungtieren als Mitläufer. Die letzteren bleiben unterschiedlich lang im Rudel, je nachdem, wie groß dieses ist und wie dicht die umgebenden Reviere besetzt sind. Oft gibt es jedenfalls mehrere Altersstufen im Rudel, sodass die einjährigen Jungtiere mit auf die frisch geborenen Welpen aufpassen.
Da in einem solchen Wurf aber typischerweise fünf oder mehr Welpen geboren werden, können die älteren Geschwister nicht unendlich lange bei ihren Eltern ausharren. Denn für die hiesigen Verhältnisse und Beutetiere wird das Rudel sonst zu groß – meist findet man hierzulande Rudel mit weniger als zehn ausgewachsenen Tieren. Für größere Rudel bräuchte man auch größere Beutetiere wie Elche oder Bisons, bei denen man mehr Wölfe für die erfolgreiche Jagd braucht, aber dann auch mehr damit ernähren kann.
Wird das Rudel also zu groß und sind die Jungtiere ausgewachsen und geschlechtsreif, dann wandern sie ab und suchen sich einen Partner und ein eigenes Revier aus. Dabei können die jungen Wölfe mehrere hundert Kilometer weit wandern, um ein geeignetes und noch nicht besetztes Gebiet zu finden – oder direkt neben den Eltern in den nächsten Wald einziehen, wenn dort bisher noch keine Wölfe leben.
Das Spannungsfeld zwischen Wolf und Mensch
Diese Abwanderungslogik erklärt auch, warum sich die Wölfe in den letzten Jahren recht schnell in Deutschland ausgebreitet haben. Die ersten Rückkehrer kamen von weit her aus Polen und Tschechien und mussten nach geschützten Gebieten suchen, aber deren Nachkommen hatten direkt mehr Auswahl an nahegelegenen Revieren und so füllen sich nun die Regionen, die den Wölfen einen sinnvollen Lebensraum bieten können. Tatsächlich wird die Ausbreitung durch den Menschen eingedämmt und es gibt immer wieder illegale Tötungen von Wölfen, sonst wären mittlerweile die meisten Reviere schon besetzt.

Ja, leider sind Wölfe bei vielen Menschen eher negativ belegt oder gar verhasst. Typische Argumente reichen von den Anschuldigungen, dass sie ständig Nutztiere fressen würden bis hin zu vermeintlichen Angriffen auf Menschen. Auf der Gegenseite stehen Wolfsliebhaber, bei denen diese Tiere ein unbestreitbares Recht darauf haben, hier zu leben, und jegliche Handlung gegen sie untersagt wird. Doch wie so häufig wäre der Mittelweg auch hier wohl der sinnvollste.
Fangen wir doch einmal mit dem schlimmsten Vorwurf an: Wölfe würden Menschen fressen. Dazu gibt es verschiedene Studien, die das deutsche Wolfcenter ausgewertet und auf Deutsch zusammengefasst hat. Für ganz Europa wurden darin in den letzten zwanzig Jahren 77 Wolfsangriffe auf Menschen gemeldet – das ist so schon nicht viel, aber nur 8 der angreifenden Wölfe waren gesund! Die restlichen Tiere hatten Tollwut und waren dadurch unberechenbar und deutlich gefährlicher (selbst tollwütige Füchse können echten Schaden anrichten, da das eine furchtbare Krankheit ist). Und trotz diesen vielen Angriffen ist dabei keiner der Menschen gestorben. Genauere Zahlen könnt ihr auf der dedizierten Seite des Wolfcenters nachlesen, aber ich denke die Grundaussage ist klar: Wölfe haben es nicht grundsätzlich auf Menschen abgesehen.

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass Wölfe auch nicht komplett ungefährlich sind. Daher gibt es ein paar Verhaltensregeln, wenn man mal einem Wolf im Wald begegnen sollte. Tatsächlich ist es sehr unwahrscheinlich, dass man das scheue Tier überhaupt zu Gesicht bekommt, da die Wölfe in den meisten Fällen abhauen, wenn sie den Menschen bemerken. Aber gerade jüngere Tiere können auch mal neugierig sein und daher nicht sofort weglaufen. In dem Fall sollte man sich laut bemerkbar machen und im Zweifel die Arme nutzen, um sich größer darzustellen und den Wolf zu vertreiben.
Was man auf keinen Fall tun sollte, ist wegrennen. Damit verhält man sich nämlich eher wie Beute und kann den Jagdinstinkt des Tieres auslösen, selbst wenn es einen sonst nicht als Beute eingestuft hätte. Außerdem muss man als Hundehalter etwas mehr aufpassen und sollte seine Hunde im Wolfsgebiet an der Leine und eher nah bei sich führen. Und wie bei allen Wildtieren gilt: Wölfe dürfen auf gar keinen Fall angefüttert werden. Denn dadurch können sie die Scheu vor Menschen verlieren und im schlimmsten Fall durch Futterneid aggressiver werden.


So, also als Mensch brauchen wir uns keine großen Sorgen machen, aber wie steht es um unsere Nutztiere? Schließlich hat fast jeder schon davon gehört, dass Wölfe in Schafsherden gewütet haben und sogar Pferde wurden bereits angegriffen! Tatsächlich spielen Nutztiere im Beutespektrum der Wölfe nur eine sehr geringe Rolle – vor Allem wird Rehwild gejagt und auch Wildschweine und kleineres Getier wie Hasen muss mit Angriffen rechnen. Viele Wolfsrudel verhalten sich damit komplett unauffällig und kommen nie in direkte Konfrontation mit Nutztieren.
Doch wie so häufig kommt es auch hier auf die Details an. Wie wahrscheinlich ein Angriff ist, liegt nämlich an dem Schutz der Nutztiere und an der Erfahrung der Wölfe. Steht um die Schafsweide beispielsweise nur ein sehr niedriges Zäunchen, das die Schafe grade selbst am Weglaufen hindert, so ist das schon fast eine Einladung für den Wolf. Gibt es stattdessen einen sauber aufgestellten Zaun mit elektrischen Litzen in passender Höhe, so schreckt das die Wölfe spätestens beim zweiten schmerzhaften Schlag meist auch auf Dauer ab.
Problematisch wird es allerdings, wenn der Wolf bei schlecht eingezäunten Schafen gelernt hat, wie einfach diese zu erbeuten sind, sobald er den lächerlichen Zaun übersprungen hat. Dann ist für diesen Wolf nämlich die erwartete Belohnung deutlich größer, sodass er sich vielleicht nicht mehr von dem elektrischen Schock abschrecken lässt. Und dann zum Problemwolf wird, der im Zweifel tatsächlich getötet werden muss…

Ich habe da so einige Geschichten zu dem Thema gehört, als ich den Workshop Wolf beim Wolfcenter mitgemacht habe, und wir haben uns auch mit einem Schäfer unterhalten. Der hat uns erklärt, dass er lieber ein bekanntes Wolfsrudel neben seinen Schafen hat, als gar keine Wölfe – denn dann weiß er nie, wann ein neues Tier vorbeikommt und was das für Erfahrungen gemacht hat. Denn wenn ein Wolfspaar friedlich Rehe jagt und das auch seinen Nachkommen beibringt, dann schützt es damit indirekt auch die Nutztiere, da es das Revier gegenüber anderen Wölfen verteidigt.
Am Ende kam bei unseren Diskussionen damals raus, dass man immer eine individuelle Lösung suchen muss. Häufig ist die Ursache für ein Fehlverhalten nicht beim Wolf selbst zu finden, aber dennoch müssen Problemwölfe im Zweifel entnommen werden können, um das Zusammenleben zwischen Menschen und Wölfen nicht zu gefährden. Aber da es unglaublich schwer ist, gezielt einen bestimmten Wolf zu töten, sollte das weiterhin nur der Ausweg für den Notfall bleiben. Und sind wir mal ehrlich – bei wie vielen faszinierenden exotischen Tierarten sind wir der Meinung, dass die lokale Bevölkerung in Afrika oder Asien sich halt etwas anpassen soll, um sie zu schützen? Kann man dann nicht auch von uns erwarten, dass wir wenigstens wieder ein bisschen besser auf unsere Nutztiere achten?
Ein Blick in die Zukunft
Es bleibt leider weiterhin ungewiss bei dem Thema, da der bisherige starke Schutz für die Wölfe nun aufgehoben wurde und sie damit eine jagdbare Art werden. Zwar bleiben sie grundsätzlich auf den Schutzlisten bestehen und können damit nicht nochmals komplett ausgerottet werden, aber es ist zu befürchten, dass es ihnen damit eher schlechter gehen wird als aktuell.


Und dabei stagniert die deutsche Wolfspopulation gerade zum ersten Mal seit der Rückkehr der Tiere sowieso schon und auch die Anzahl der Übergriffe an Nutztieren hat durch den Herdenschutz deutlich abgenommen – mehr dazu kann man beim Beitrag des Wildtierschutzes lesen. Also eigentlich deutet alles darauf hin, dass sich die Population schneller als erwartet an die neuen Gegebenheiten anpasst und wir als Menschen eigentlich gar nicht weiter eingreifen müssten (oder sollten).
Aber gleichzeitig kann man bei komplexen biologischen Systemen nie ganz genau wissen, was passieren wird. Naturschützer verweisen beim Wolf häufig auf die Studien aus dem Yellowstone Nationalpark, in dem die zurückgekehrten Wölfe sich wieder komplett in das Ökosystem integriert haben. Doch die Situation in einem so großen Nationalpark ist natürlich nicht direkt mit der menschen-gemachten zerstückelten Landschaft Deutschlands zu vergleichen.

Trotzdem müssen wir meiner Meinung nach versuchen, diese besonderen und hier ebenfalls heimischen Tiere wieder in unsere Leben und unsere Natur zu integrieren. Und ich bin überzeugt davon, dass eine aktive Jagd auf Wölfe dabei nicht die Lösung sein kann. Habt auch ihr eine Meinung zu diesem Thema? Dann schreibt mir gerne in den Kommentaren! Und falls ihr noch mehr über die Tierart Wolf (und das Spurenlesen) wissen wollt, dann schaut doch gerne mal bei meiner Serie zum Workshop Wolf vorbei. Dort gibt es zu vielen hier angesprochenen Punkten noch deutlich mehr Details zu lesen.


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