Nachdem wir uns im letzten Teil dieser Reihe mit einer eher gefährlichen Art beschäftigt haben, schauen wir uns dieses Mal das Gegenteil an: eine Art, die eher wegläuft als sich Gefahren direkt zu stellen. Wildpferde sind zwar einer der größeren Pflanzenfresser und haben daher weniger direkte Fressfeinde, aber ihre Vergangenheit als Beutetier hat eindeutig Spuren in ihrem Verhalten hinterlassen.

Aber es gibt nicht nur Unterschiede zwischen Wölfen und Wildpferden: schließlich sind beide Arten die Vorgänger unserer heutigen Haus- und Nutztiere. Wenn man da mal in Ruhe drüber nachdenkt, ist schon faszinierend, was sich alles aus den Ursprungsrassen entwickelt hat und aktiv gezüchtet wurde. Vielleicht schauen wir uns das Thema in der Zukunft auch mal genauer an… Aber für heute fokussieren wir uns auf die Pferde.

Wildpferde in Parks

Am leichtesten findet man Wildpferde in Nationalparks oder anderen Naturschutzgebieten, wie beispielsweise hier in der Nähe am Tennenloher Forst, wo sie in einem eingezäunten Bereich entdeckt werden können. Häufig werden die Grasfresser dabei direkt als natürliche Mähmaschinen genutzt, die sehr schonend Grasflächen erhalten können.

Wildpferdeherde am Grasen (© Cornelia Hebrank, 2016)
Eine Herde Wildpferde genießt den Tag in einem norddeutschen Schutzgebiet und hält dabei dort alle Wiesen offen (© Cornelia Hebrank, 2016)

Tatsächlich ist das nämlich oft eine Schwierigkeit in solchen Parks – beim maschinellen Mähen können leichter junge Vögel und andere Kleintiere verletzt und getötet werden, sodass meist altmodische, händische Alternativen zum Einsatz kommen, wie das Mähen mit einer Sichel. Das macht aber viel Aufwand, sodass besonders bei großen Geländen häufig Tiere miteingesetzt werden. Am häufigsten sind es Schafe, die teilweise mit ihren Schäfern durch verschiedene Gebiete rotieren, aber bei größeren Tieren wie Ziegen oder eben Pferden gibt es noch einen zusätzlichen Vorteil: sie fressen vermehrt auch an Büschen die Triebe ab, sodass die Flächen offener bleiben und weniger zuwachsen.

Für die Besucher ist es natürlich auch schön, so eine tolle Art in Ruhe beobachten zu können. Durch ihre Größe sind Wildpferde fast immer sehr leicht zu entdecken und da sie in Herden leben, kann man auch echt oft soziale Interaktionen zwischen den Tieren beobachten. Grade hier in Europa, wo wir nicht allzu viele Tierarten haben, die leicht zu finden und zu identifizieren sind, ist das besonders für Kinder auch ein tolles Erlebnis.

Im besten Fall funktioniert das dann so gut, dass die Pferde sich wohlfühlen und am Ende sogar kleine Fohlen mit der Herde unterwegs sind – echte Feinde haben sie hier ja kaum; ein Wolfsrudel könnte zwar generell auch Pferde jagen, aber das passiert nur in Ausnahmesituationen (oder im Zweifel bei schlecht gehaltenen einzelnen Ponys), da sich Pferdeherden extrem gut verteidigen können. Aus meiner Reiterfahrung kann ich berichten, dass so ein Huf am Kopf echt Eindruck hinterlässt…

Trotzdem sind die Wildpferde nicht immer in Sicherheit und wie so häufig sind die Menschen das Problem. Immerhin passiert es nur sehr selten, dass Leute den Tieren aktiv Schaden zufügen wollen, aber umso häufiger wird es unwissentlich getan. Das größte Problem dabei ist das Füttern der Tiere mit ungeeigneter Nahrung. Eigentlich haben Wildpferde auf einer weitläufigen Weide alles, was sie zum Überleben brauchen – und da sie keine großen Kraftanstrengungen wie Reitpferde zu leisten haben, tun ihnen Kraftfutter und Leckereien nicht wirklich gut. Natürlich passiert nichts, wenn sie mal einen Apfel oder eine Möhre erwischen, aber grundsätzlich sollte man solche Wildtiere einfach nicht füttern.

Geschichte der Pferde

Wenn man sich mit Pferden generell, oder auch mit den wilden Vertretern der Gruppe, beschäftigt, dann denkt man gerne erstmal an die domestizierten Hauspferde, die schon seit tausenden von Jahren als Begleiter des Menschen bekannt sind. Aber anders als bei Hunden und Katzen hat man hier vermutlich nicht direkt noch andere wilde Vertreter der Gattung vor dem inneren Auge. Das liegt vermutlich daran, dass es bei den Pferdeartigen deutlich weniger Vielfalt gibt: und weder die Wildeselarten noch die Zebras sind so richtig typische bekannte Tiere.

Dabei ist die evolutionäre Geschichte dieser Tiere ziemlich spannend – sie waren nämlich nicht immer so groß wie heute. Tatsächlich war der Urahne des Pferdes (Eohippus oder Hyracotherium) vor etwa 50 Millionen Jahren nur so groß wie ein heutiger Fuchs und sah mit seinem kurzen Hals noch gar nicht wirklich wie ein Pferd aus. Als Pflanzenfresser in dichten Wäldern war die Größe damals aber vermutlich auch eher hilfreich.

Zeichnung der damaligen Urpferde von Heinrich Harder, man erkennt direkt, dass sie noch nicht mal annähernd wie die heutigen Pferde aussehen

Mit diesem Bild vor Augen ist es auch deutlich verständlicher, wer außerhalb von Eseln und Zebras die nächsten Verwandten der Pferde sind. Die Gruppe der Unpaarhufer besteht neben ihnen nämlich noch aus Tapiren und Nashörnern – hättet ihr das vermutet? In ihrer moderneren Entwicklungsstufe gehören alle Tiere aus dieser Gruppe zu den größten Lebewesen in ihrer Region und haben sich mit den Gliedmaßen und Zähnen an das Dasein als verteidigungsfähige Pflanzenfresser angepasst.

Aber wieder zurück zu den Wildpferden im engeren Sinne. Die letzten verbleibenden Wildpferde, auch Przewalski-Pferde genannt, finden sich auf den weitlaufenden Steppen der Mongolei und sind leider über die letzten Jahrhunderte deutlich weniger geworden. Da Pferde so viel und gerne als Nutztiere zur Arbeit herangezogen werden, wurden die meisten wildlebenden Tiere einfach eingefangen und die ursprüngliche Art überlebte nur in Zoos.

Ein Przewalski-Pferd auf einer Ausstellung (© Cornelia Hebrank, 2022)
Früher waren Przewalski-Pferde in Europa weit verbreitet und dienten damit als Grundlage für die Züchtungen, die unsere heutigen Pferderassen wurden (© Cornelia Hebrank, 2022)

Tatsächlich gab es nach dem zweiten Weltkrieg nur noch etwa 30 Tiere in verschiedenen Zoos, und nur in zwei von diesen funktionierte auch die Zucht. Zum Glück wurde dann das Zuchtbuch für diese Wildpferde etabliert und unter der Leitung des Prager Zoos sowie des Münchner Tierparks Hellabrunn konnte die Art erhalten werden. Bis heute laufen aktive Auswilderungsprogramme vieler europäischer Zoos, sodass es mittlerweile wieder einige freie Herden in mongolischen Naturschutzgebieten gibt. Man könnte die Geschichte des Przewalski-Pferdes also fast mit der der Nashörner vergleichen, die auch nur grade noch vor dem Aussterben bewahrt werden konnten…

Ein Przewalski-Pferd in einem Zoo (© Cornelia Hebrank, 2008)
Auch heute noch werden diese Tiere in vielen Zoos aktiv gezüchtet, um die kleinen natürlichen Populationen weiter aufzustocken und weitere Parks auszustatten (© Cornelia Hebrank, 2008)

Bevor wir uns das noch etwas genauer anschauen, habe ich aber noch einen spannenden Fakt für euch dabei. Vielleicht habt ihr euch grade schon gefragt, wie es denn dann mit den amerikanischen Mustangs steht, die ja als Inbild von wilden Pferden gelten? Tatsächlich sind das ebenfalls ausgewilderte Tiere – wenn auch nicht freiwillig. Als die ersten europäischen Siedler in Amerika eintrafen, gab es dort noch keine Pferde, sodass bald Spanier und Engländer ihre Tiere mitbrachten. Durch die unsicheren Bedingungen brachen immer wieder ganze Herden aus und konnten sich in der Steppe problemlos selbst versorgen, sodass die Tiere mehr und mehr verwilderten und über Generationen zu einer Art Wildpferd wurden. Aber für die Ureinwohner Nordamerikas (oder zumindest bei manchen Stämmen) hießen diese Tiere erstmal nur „große Hunde“.

Erfolgreiche Auswilderungen

Gerade in Tierschutz-Kreisen gibt es ja immer wieder Diskussionen über Zoos und Tierparks, und häufig überwiegen hier die negativen Meinungen. Ich sehe das Ganze etwas zwiegespalten, weil ich die Argumente beider Seiten verstehen kann. Außerdem komme ich mit meinem wildtierbiologischen Hintergrund eher aus dem Artenschutz-Camp als direkt aus dem Tierschutz.

Gemütliche Herde von Wildpferden (© Cornelia Hebrank, 2016)
Es wäre schön, wenn wir bald auch wieder in den natürlichen Lebensräumen in den Steppen solche gesunden Herden von Wildpferden sehen könnten. Doch dafür werden wir zumindest in der nächsten Zeit noch Auswilderung brauchen (© Cornelia Hebrank, 2016)

Vielleicht fragt ihr euch jetzt, was da der Unterschied ist – beide setzen sich doch für Tiere ein? An sich geht es beiden vermutlich auch um das gleiche, aber die Ansichtsweise ist unterschiedlich. Beim Artenschutz liegt der Fokus auf dem Erhalt der Art, also dem Verhindern des Aussterbens, was manchmal dazu führt, dass dafür einzelne oder wenige Individuen zu Schaden kommen, sofern dieses Opfer zu einer besseren Situation für die ganze Art führt. Im Gegensatz dazu sieht der Tierschutz eher das Individuum im Fokus und bemüht sich darum, jedem einzelnen Tier ein möglichst gutes Leben zu bieten.

Natürlich muss man in beiden Fällen versuchen, die Chancen und Möglichkeiten realistisch zu sehen. Tierparks und Zoos halten bei vielen selten gewordenen Arten die größten verbleibenden Bestände und tragen durch Zuchtbücher (in vielen Fällen, nicht immer) zur sinnvollen Erhaltung der Art bei. Dabei bleibt aber immer die Frage, wie viel sich mit nur in Gefangenschaft aufgezogenen Tieren erreichen lässt…

Und hier kommen wir zu unserem Thema und den Wildpferden zurück. Das hängt nämlich stark von der Art ab – während eine Auswilderung bei vielen Raubtieren gar nicht so einfach ist, da sie das Jagen lernen müssen, ist es bei Pflanzenfressern häufig deutlich einfacher. Besonders solche großen Arten wie Wildpferde oder Nashörner haben auch in freier Wildbahn kaum Feinde und in vielen Gegenden ein reichhaltiges Nahrungsangebot, sodass es ihnen verhältnismäßig leichtfällt, auch ohne den Menschen zu überleben – wie auch in der Entstehungsgeschichte der Mustangs.

So ähnlich geht es nun auch den Przewalski-Pferden, die langsam aber sicher wieder in Nationalparks und Schutzgebieten einheimisch werden. Damit meine ich jetzt nicht nur, dass wir in Tennenlohe eine Mini-Herde besuchen gehen können, die aus dem Nürnberger Tierpark stammt, sondern eher das deutlich größer angelegte Auswilderungsprojekt in der Mongolei. Und da finde ich es schon schön, wenn es auch dazu wieder gute Neuigkeiten gibt und sich Zoos zusammentun, um die Art zu erhalten. So ist beispielsweise im letzten Sommer ein Przewalski-Hengst aus Edinburgh nach München gekommen, um dort für die wichtige genetische Diversität zu sorgen und Inzucht zu vermeiden – mit dem Ziel, in einigen Jahren weitere Nachwuchs-Pferde in Kasachstan auszuwildern. Schließlich wäre es schön, wenn dort irgendwann auch wieder ganze Herden voller Wildpferde über die Steppe ziehen würden…


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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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