Der Morgen des zehnten Tages begrüßte uns direkt mit kleinen weißen Flocken, die vor unseren Fenstern fielen. Ein Blick nach außen bestätigte uns direkt, dass es schon in der Nacht ordentlich geschneit hatte – und es war nochmal kälter geworden. Beim Frühstück war der Schnee das Hauptthema: an sich ist Schnee in der Nacht gut, weil man damit die frischen Spuren leichter von den alten unterscheiden kann. Aber wenn es nun weiter schneite, dann würden die Spuren der letzten Nacht auch untergehen…
Auf ins Winter-Wunderland
Bevor wir aufbrechen konnten, gab es aber erst noch schlechte Neuigkeiten: einer unserer beiden Leiter hatte die Nacht über Fieber bekommen und konnte heute nicht mit uns losziehen. Bisher hatten wir immer zwei Gruppen gemacht, da es so einfacher war, die Spuren gemeinsam zu analysieren und wir mehr abdecken konnten – aber nun würden wir als eine große Truppe unterwegs sein.
Damit das trotz der frischen Schneemassen machbar blieb, wollten wir nicht zu den steilsten Hängen schauen, sondern stattdessen ein etwas anderes Tal untersuchen: das um den Fluss Belá. Das bedeutet „die Weiße“ und beschreibt, wie wild das Wasser dieses noch sehr natürlich fließenden Gewässers sein kann – im Sommer gibt es in der Region ein großes Rafting-Angebot zum Wildwasser-Bootsfahren. Zum Wandern war die Gegend dafür deutlich entspannter, da hier deutlich weniger Steigung zu bewältigen war als gestern.
Als wir an dem Parkplatz ankamen, hatte es für den Moment zu schneien aufgehört und wir fanden uns in einer märchenhaften Atmosphäre mit mehr als 10 cm Neuschnee wieder. Zum Glück waren wir ja passend vorbereitet und zogen unsere Gamaschen an, um durch das wasserfeste Material unsere Hosen vor dem Durchweichen zu bewahren. Für die Schneeschuhe war der Schnee noch zu frisch, also blieben die in den Autos, aber auch so würde das Laufen heute nicht so einfach gehen – wir mussten uns unseren Weg erst selber bahnen.

(© Cornelia Hebrank, 2024)

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Anfangs folgten wir einem Fahrweg, der immerhin ebenen Untergrund unter dem Schnee bot, aber doch tief eingeschneit war. Der erste in der Gruppe musste gegen die Massen anlaufen und hatte damit den ermüdendsten Job, durfte aber auch die komplett unberührte Schneelandschaft genießen. Es war wirklich krass, wie sehr uns der tiefe Schnee ausbremste – obwohl es nur eben zu laufen war, kamen wir gefühlt kaum voran. Doch die wundervolle Atmosphäre machte es mehr als wett.
Dann ging es in einen Wald, in dem wir den einen relevanten Hang des Tages bewältigen mussten: die Belá wartete einige Meter tiefer auf uns. Nun sollte man ja meinen, dass es bergab nicht allzu schlimm sein kann… Ich kann nur sagen, dass ich an diesem einen Abstieg beinahe verzweifelt bin! Durch den Wald lag der Boden hier im Schatten, also war der Untergrund unter dem Schnee angefroren und extrem rutschig. Man konnte wegen dem hohen Schnee nicht sehen, wo Wurzeln oder andere Unebenheiten lauerten und damit wurde der Abstieg wirklich schwer. Ich musste mir richtig Zeit nehmen und langsam und vorsichtig vorgehen, um nicht plötzlich abzurutschen oder umzuknicken.

Zum Glück war unsere Gruppe aber sehr nett und der Zusammenhalt voll da, also warteten alle aufeinander und wir warnten und halfen uns gegenseitig, bis wir unten angekommen waren. Dort verschnauften wir erstmal kurz, um uns von dieser Tortur zu erholen, bevor wir durchs Unterholz in Richtung Fluss weiterzogen. Das Wasserrauschen war schon zu hören und lockte uns an, bis wir an einer anderen kleinen Straße mit Brücke rauskamen, von der aus wir einen schönen Blick auf den angefrorenen Fluss hatten.
Anstrengung hält warm
Nun waren wir also im interessanten Bereich angekommen: Flüsse eignen sich immer gut zum Spurensuchen, weil die meisten Tiere hier trinken wollen und entsprechend an den Ufern vorbeischauen. Zusätzlich gab es in diesem Teil des Tals nur ein paar wenige offizielle Wege und so blieb viel unberührte Natur, durch die bestimmt einige Tiere gestreift waren. Das machte es für uns besonders spannend, wenn auch etwas schwieriger zu laufen.
Entsprechend waren wir nur noch selten auf breiten und ebenen Wegen unterwegs und bewegten uns die meiste Zeit durchs Unterholz. Ich persönlich liebe ja diese Art von Trampelpfad, weil man dabei der Natur einfach so viel näher kommt und sich fast als Teil des Waldes fühlen kann. Die Gegend war einfach wunderschön und wir genossen den Anblick so sehr, auch als es wenig später wieder zu schneien anfing.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Das machte uns das Spurensuchen natürlich nur noch schwerer. Wir waren nicht komplett erfolglos: es gab einiges an Rotwild, das nicht lange vor uns durch diesen Wald gezogen war, aber wirklich aufregende Arten konnten wir nicht entdecken. Der Schnee machte es uns für die Mittagspause nicht gerade leicht. Kaum hatte man sein Brot ausgepackt, lag auch schon eine zarte Schneeschicht oben drauf. Und die Sitzmöglichkeiten waren stark begrenzt, wenn man nicht erstmal ein ganzes Stück einsinken wollte…
Dazu kam dann noch die Kälte. So komplett ohne Sonne und mit dem Schnee, der sich in alle Ritzen legen wollte, war es deutlich feucht-kälter als noch gestern. Wir machten also nur eine kurze Pause und liefen dann weiter, um uns damit warm zu halten. Immerhin war das über-umgefallene-Baumstämme-steigen und zwischen-Bäumen-durchquetschen und unter-niedrigen-Ästen-ducken so anstrengend, dass uns dabei gar nicht erst kalt werden konnte.
Nachdem es mit Spuren wegen dem Neuschnee ziemlich schlecht aussah, machten wir dafür einen Abstecher zu einer kleinen Holzhütte mitten auf einem Feld. Erst waren wir unsicher, was wir daran jetzt lernen sollten, aber dann schauten wir genauer hin – die Wände waren mit tiefen Kratzern übersät. Bärenspuren! In der Hütte war wohl mal was essbares gelagert worden, als dann ein Bär vorbeikam und das Futter haben wollte. In Anbetracht dieser Krallenspuren waren wir gleich noch froher, dass diese felligen Gesellen grade ihren Winterschlaf hielten…

(© Cornelia Hebrank, 2024)

Dann traten wir den Rückweg an, für den wir zumindest stückweise den einfacheren und direkteren Weg wählten, da der Schnee einfach nicht nachlassen wollte. Leider war damit auch wieder der Punkt erreicht, an dem mein Körper seine Grenzen zeigte – das ständige Anlaufen gegen den Schnee brachte meine Hüfte zum Schmerzen und mit der Kälte wurde die Anstrengung echt viel. Lange würde ich nicht mehr durchhalten, und es machte mich auch mental etwas fertig, dass ich so oft am Ende der Gruppe laufen musste und es viel Energie kostete, mit der Geschwindigkeit mitzuhalten. Immerhin war es jetzt nicht mehr so weit.
Kurz vor dem Hang, den wir am Morgen heruntergekommen waren, gab es eine kleine Gaststätte und da hielten wir kurz an, um einen (mir viel zu starken) Kaffee zu trinken und kurz im Trockenen sitzen zu dürfen. Mir gefiel die kleine Katze dort deutlich besser als die Gaststätte, aber es war noch ein weiterer Eindruck der Gegend – besonders mit dem schönen Blick über die zugeschneiten Wiesen.

Am Ende kraxelten wir den steilen Hang durch den Wald wieder hinauf und bei den letzten Schritten kam mein unvermeidliches Pech durch – und ich knickte um, weil ich auf einem unter dem Schnee versteckten Ast abrutschte. Wenigstens hatten wir „nur noch“ den breiten Weg zurück zum Auto vor uns, also wirkte das erstmal machbar. Ich musste halt meinen Fuß schonen, aber das bekam ich schon hin. Allerdings hatte es mittlerweile schon wieder seit Stunden stark geschneit und gefühlt war der Schnee dadurch nochmal um etwa 20 cm gestiegen, sodass wir uns jetzt praktisch wieder neu durchkämpfen mussten.
Mit der letzten Kraft schaffte aber auch ich es bis zum Parkplatz und wenig später waren wir zurück in der Wärme der Pension und freuten uns auf unser tolles Abendessen. Heute war der Tag nicht gar so lang gewesen, also hatten wir Zeit für eine warme Dusche und eine kurze Erholungspause, bei der ich den Fuß gleich hochlegen konnte.
Theorie zum Aufwärmen
Zum Abschluss des Tages wollten wir dann doch noch ein bisschen was lernen und so saßen wir im Seminarraum zusammen und beschäftigten uns mit einer der spannendsten Fragen: Wer wars? Grade wenn man nur die Spuren nach einer Jagd findet, dann hilft es sehr, etwas mehr über die verschiedenen Raubtiere zu wissen und die Spuren schon allein dadurch besser einordnen zu können.
Also schauen wir uns doch mal an, wer es gewesen sein könnte. In Europa ist man da generell bei der Auswahl zwischen Bären, Wölfen, Luchsen und Füchsen, wobei die schon fast wieder zu klein werden für einen direkten Vergleich. Wir hatten auch auf den Wanderungen schon ein bisschen was über die Verhaltensweisen dieser Arten gehört, also wurde es eine aktive Gruppendiskussion.


Fangen wir mit dem Luchs an, da wir dessen Spuren schon sehen konnten und daher selbst feststellen konnten, dass dieser lautlose Jäger sich gerne in Deckung bewegt und Schatten ausnutzt. Dabei ist er gerne im Schritt unterwegs, um regelmäßig anzuhalten und zu lauschen, und nutzt Bäume und andere Aussichtspunkte, um sich zu orientieren und nach Beute Ausschau zu halten. Als Lauer- und Ansitzjäger schleicht der Luchs sich dann an und erlegt seine Beute nach einer vergleichsweise kurzen Jagdsequenz durch einen Drosselbiss, oft mit klaren und tiefen Krallenspuren vom letzten Sprung und Griff des Tieres. Gefressen wird dann natürlich direkt, häufig nach dem Umstülpen des Fells – aber da dabei meist noch etwas übrigbleibt, versteckt der Luchs die Reste und frisst in der nächsten Nacht weiter.
Auch mit den Wölfen hatten wir es auf unserer Reise schon zu tun und konnten anhand der Spuren sehen, dass sie gerne durch die Landschaft „surfen“, sich also den bequemsten Weg suchen. Dabei laufen sie vor Allem im Trab, da sie häufig große Strecken in ihrem Territorium zurücklegen. Für das Wolfsrudel ist der Wind ein entscheidender Faktor, sie laufen gerne mit der Nase im Wind, und fächern sich dann auf, um Beute aufzuscheuchen und zu hetzen. Wenn das Beutetier erwischt wird, kommt auch beim Wolf der Drosselbiss zum Einsatz, aber hier findet man deutlich weniger Krallenspuren. Das Rudel frisst danach so gut wie alles auf, hinterlässt aber durchaus mal den Verdauungstrakt, große Knochen und Fellstücke. Anders als beim Luchs schleppen die verschiedenen Wölfe Teile des Kadavers weg, um unabhängig voneinander fressen zu können, sodass die Fraßreste oft etwas weiter verstreut enden.

(© Cornelia Hebrank, 2014)

Fuchsspuren waren uns auch schon begegnet und die ließen sich immer gut an der Größe abgrenzen. Natürlich jagt ein Fuchs auch nicht die gleiche Kategorie von Beute wie ein Wolf oder Luchs. Aber dafür gab es zumindest den interessanten Fakt zu hören, dass Füchse besonders zur Aufzuchtzeit gerne mal den Kopf eines Beutetieres mitnehmen. Es muss nicht immer der Kopf sein, auch andere Teile, die das Elterntier tragen kann, werden in den Fuchsbau verschleppt, aber scheinbar besonders gerne Köpfe…
Dann bleibt noch der Bär übrig, den man an seinen riesigen Pranken natürlich auch sehr leicht an der Spur erkennt. Bären leben tatsächlich zu einem großen Teil vegetarisch und jagen eher, wenn es sich ergibt. Auch Fallwild oder Kadaver nehmen sie gerne, im Zweifel auch mal anderen Raubtieren weg, und haben dafür sogar eine bessere Nase als die Wölfe. Wenn der Bär einmal selbst jagt, dann schleicht er sich an seine Beute an und tötet diese entweder per Biss oder per Prankenschlag direkt auf den Kopf. Durch die viele Kraft, die dahinter steckt, gibt es davon oft Blutergüsse, woran man die Todesursache Bär leicht erkennt. Und nach den Krallenspuren an der Hütte waren wir alle einig: einem unausgeschlafenen Bären wollten wir nicht begegnen.
Lust, direkt weiterzulesen? Ab zu Tag 11!


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