Am vorletzten Tag unseres Slowakei-Aufenthalts war es dann so weit: schon morgens merkte ich meinen Knöchel wieder und musste schon fast nach unten zum Frühstück humpeln… Das machte mir jetzt nicht gerade Hoffnung für den Tag, und nachdem ich hörte, dass der heute geplante Ausflug in den Urwald gehen würde, wo man viel ohne richtige Wege am Hang unterwegs sein würde, war eine Sache für mich klar: das würde ich nicht schaffen.

Entsprechend suchte ich beim Frühstück direkt das Gespräch, um einen für mich passenden Tagesplan aufzustellen. Auch unser Wanderleiter war der Meinung, dass ich so besser in der Pension bleiben und mich erholen sollte – wenn ich meinen Fuß heute schonte, dann konnte ich morgen vielleicht zumindest den letzten Tag noch mitmachen. Das war ein schönes Ziel, also packte ich mir trotzdem ein Mittagessen zusammen, um nicht zusätzliche Arbeit für die Pension zu machen, und verabschiedete mich wenig später von den anderen, die sich auf den Weg in den Urwald machten.

Ein kleiner Spaziergang geht trotzdem

Für mich fing der Tag dann im Zimmer an, wo ich es mir erstmal auf einem kleinen Sessel bequem machte und die Notizen der letzten Tage durchsah und sauber zusammenschrieb. So konnte ich zumindest die Zeit gut nutzen und nebenher meinen Fuß hochlegen. Nach etwas mehr als einer Stunde wurde ich dann aber doch unruhig – immerhin waren wir grade jeden Tag weit unterwegs gewesen – und wollte wenigstens ein bisschen an die frische Luft.

Das gute an der Sache: ich war ja schon fast direkt am Rande der niederen Tatra, und auch wenn ich höchst wahrscheinlich nicht zu Fuß zu den nächsten Wolfsspuren kommen würde, so konnte ich doch zumindest ein bisschen die Gegend um Liptovský Ján erkunden. Also zog ich mir meine typischen vielen Schichten an und ging gemütlich die Straße entlang zur kleinen Heilquelle am Rand des Ortes.

Die kleine Heilquelle am Rande von Liptovsky Mikulas (© Cornelia Hebrank, 2024)
Eine kleine Heilquelle am Rande des Ortes, ganz nahe bei der lokalen Therme, lädt in der wärmeren Jahreszeit zum Verweilen ein (© Cornelia Hebrank, 2024)

Von diesem einen kleinen Plätschern wanderte ich weiter an dem etwas größeren Plätschern eines schmalen Bächleins entlang, dem ich tiefer in das breite Tal folgen konnte. Einen genauen Plan für meinen Ausflug hatte ich dabei nicht – ich wollte mich einfach ein bisschen umschauen und dabei schön gemütlich unterwegs sein, um meinen Fuß so gut wie möglich zu schonen. Und dafür schien „raus aus dem Ort und Richtung Berge“ genau passend zu sein.

Es lohnte sich auch wirklich, diese Richtung zu wählen, da ich an dem Zufluss des kleinen Bächleins aus einem Gebüsch vorbeikam. Dort machte ich kurz Pause und genoss die Stimmung des Wassers mit den Vogelrufen im Hintergrund. Als ich letztere etwas genauer verfolgte, entdeckte ich einen „Meisenbaum“. Auf dem hatten sich neben mehreren Kohl- und Blaumeisen auch zwei Schwanzmeisen niedergelassen und waren am Picken – und nach etwas Beobachtung huschte auch noch ein Kleiber am Stamm umher. Wirklich schön!

Ein paar Schritte weiter wurde der Bach etwas breiter und zeigte seine moosigen Ränder genauer. Wieder nahm ich mir etwas Zeit in der Natur und freute mich, dafür noch zwei vorbeifliegende Stieglitze zu sehen. Es war faszinierend, wie viele Vogelarten ich hier mitten im Winter auf einem Haufen gefunden hatte! Am liebsten hätte ich noch eine Weile gewartet, was ich noch entdecken konnte, aber bei den -3 Grad wurde es dann doch langsam Zeit, mich wieder etwas zu bewegen.

Ein Bächlein mit Moos (© Cornelia Hebrank, 2024)
An einer Stelle wird der Bach dann sogar etwas breiter und sehr moosig – finden die Tiere auch toll so! (© Cornelia Hebrank, 2024)

Ich zog also weiter sanft bergauf das Tal entlang und sah mich dabei weiter um. Nach dem kleinen Stück Natur kam ich in einen weiteren Teil des Dorfs und folgte der Straße in Richtung Berge und Spa-Hotels. Dank der Heilquelle gab es hier sogar eine Therme, die grade zwar geschlossen war, aber sonst nach einem schönen kleinen Gelände aussah. Und am Ende des Dorfs schien es noch eine Art Ausstellung von Miniaturbauwerken zu geben, gegenüber von der die Bushaltestelle und ein kleiner Souvenirshop lagen. Ich warf einen kurzen Blick in letzteren, fand aber leider eher kitschige Dinge als etwas, was ich wirklich als Andenken hätte mitnehmen wollen.

Ein bisschen weiter wollte ich aber schon noch kommen – aktuell war auch mein Fuß noch dabei, solange ich so langsam unterwegs war – also ging es weiter in den tieferen Schnee. Dabei konnte ich ein paar spannende Spuren entdecken, die von der Größe her in Richtung Maus gingen, aber eine wirkliche Bestimmung traute ich mir nicht zu. Trotzdem war es spannend, die Trails ein bisschen zu verfolgen und an mehreren Stellen am Gehsteig zu finden.

Als ich dann schon umdrehen wollte, entdeckte ich noch zwei schöne Infotafeln mit den hier heimischen Tieren, die ich mir dann doch anschauen wollte. Zwar konnte ich außer den lateinischen Namen nichts davon lesen, aber die Bilder waren schön und als Idee fand ich das auch super – Aufklärung und Bildung über Tiere ist doch immer gut.

Nachdem ich nun doch schon eine gute Stunde draußen gewesen war, machte ich mich auf den Rückweg, bei dem ich noch einen Abstecher durch einen Ortsteil mitnahm, um nicht ganz die gleiche Strecke zurücklaufen zu müssen. Diese Umgebung mit den Bergen und der guten frischen Luft tat mir auf jeden Fall gut, auch wenn ich recht langsam vor mich hin stapfte.

Am Ende bekam ich noch einen schönen Blick hinunter aufs Dorf, mit den tiefen Wolken und den Bergen im Hintergrund, und fühlte mich danach schon wieder deutlich besser. Der restliche Weg zur Pension ging dann noch recht flott und so war ich nach nicht ganz zwei Stunden wieder zurück und froh über die Wärme in unserem Zimmer.

Ein Blick über eine verschneite Straße auf das Dorf im Hintergrund (© Cornelia Hebrank, 2024)
Ein letzter schöner Blick aufs Dorf, bevor ich wieder zurück in der Pension war
(© Cornelia Hebrank, 2024)

Was lernen kann man auch immer

Allerdings hielt ich es nicht lange einfach so auf dem Sessel aus und machte mich auf die Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung, die meinen Fuß nicht unnötig belasten würde. Was gab es da Besseres als ein gutes Buch? In unserem Seminarraum gab es eine ganze Sammlung von spannenden Büchern zu allen Themen rund um Tiere, Spurenlesen und die Gegend hier. Ich schaute den Büchertisch also in Ruhe durch und entschied mich für ein dünnes Büchlein, das mich irgendwie besonders ansprach: Walk with the animal, also „mit dem Tier laufen“, über das Trailing von Wildtieren.

Mit dem Buch zog ich dann wieder auf meinen Sessel und machte es mir mit Tee und vorbereitetem Mittags-Brot bequem, und las für die nächsten paar Stunden. Der Autor beschrieb seine eigene Reise in der Welt des Spurenlesens, mit den Zielen, die er sich gesetzt hatte, und wie er vorgegangen war, um diese zu erreichen. Dabei kombinierte er, wie auch unser Lehrer im Spurenlesen, das Verständnis und logische Denken über die typischen Verhaltensweisen des Tieres mit der mehr intuitiven Gefühlsseite, sich in das Tier hineinzuversetzen und aus dessen Perspektive zu sehen. Er berichtete über einige Fälle, in denen ihm diese Kombination geholfen hatte, eine Spur an einer schwierigen Stelle nicht komplett zu verlieren, und was er daraus gelernt hatte. Das Buch war ansprechend geschrieben und inspirierte einige meiner Gedanken zum Spurenlesen, und bis ich fertig war, wurde es schon Abend.

Einen Tisch mit vielen Büchern über Tiere, Spurenlesen und Wandern (© Cornelia Hebrank, 2024)
Im Seminarraum gab es viel zu lesen, da hatte ich mir schnell was ausgesucht…
(© Cornelia Hebrank, 2024)

Wenig später kamen dann auch die Anderen zurück und es gab das gemeinsame Abendessen, bei dem viel von dem tollen Tagesausflug erzählt wurde. Sie hatten tatsächlich wieder Wolfsspuren an einem schwer zu besteigenden Hang gefunden, denen sie eine ganze Zeit lang hatten folgen können. Zwar war ich traurig, dass ich das nicht hatte sehen können, aber der Bericht machte mir schnell klar, dass ich dabei nicht hätte mithalten können.

Zum Ausklang des Abends trafen wir uns wieder im Seminarraum, um uns mit einer weiteren Theorie zum Spurenlesen zu beschäftigen: den 3 Perspektiven und 5 Fragen. Beim Spurenlesen kommt es manchmal einfach auf den Blickwinkel an, und um nichts zu übersehen, sollte man sich dabei jeweils aus verschiedenen Sichtweisen mit der Spur auseinandersetzen.

Bei den Perspektiven handelt es sich um die wirklichen Blickwinkel, aus denen man eine Spur sehen könnte. Wenn man sich die Spur aus der Vogelperspektive vorstellt, dann kann man nachvollziehen, welche Teile der Landschaft das Tier genutzt hat – hat eine Liegestelle beispielsweise einen guten Ausblick oder ist sie eher windgeschützt? Folgen die Spuren immer Bäumen oder Gebüschen? Das Gegenteil dazu ist die Bodenperspektive, bei der man sich hinkniet und auf die Details des Trittsiegels achtet, sowie möglichst tief in die Spur eintaucht. Hierbei geht es um einzelne Schritte und das Verhalten in diesem kurzen Abschnitt der Spur. Zum Abschluss sollte man dann noch die Fährtenperspektive nutzen, also aus dem Stand heraus die nächsten paar Schritte betrachten, um die Laufrichtung und mögliche Ziele oder Einschränkungen in der Umwelt zu sehen. Mit der Kombination aller drei lässt sich die Spur am besten über längere Strecken verfolgen und damit kann man sich auch am meisten über das Verhalten des Tieres erklären.

Die fünf Fragen beschäftigen sich mit weiteren Details der Spur und können in beliebiger Reihenfolge gestellt und beantwortet werden. Ein typischer Anfang macht meistens das wer, also welches Tier die Spur hinterlassen hat, da das häufig der Ausgangspunkt für ein längeres Trailing ist. Auch wann das Tier hier war, wird oft recht früh geklärt – schließlich möchte man wissen, ob die Spur noch frisch ist. Das ergibt sich oft durch die Rahmenbedingungen des Wetters und hängt vom Boden ab, sodass man dafür viel Erfahrung braucht. Die anderen drei Fragen ergeben sich dann beim Spurenlesen: warum das Tier hier war, lässt sich oft durch Wissen über dessen Verhalten und die Einordnung im Jahresablauf erklären. Und wohin es unterwegs war, lässt sich beim Folgen der Fährte recht gut bestimmen, was wiederum beim warum helfen kann. Die fünfte Frage, wie sich das Tier verhalten hat, spielt auch mehr in Kombination mit den anderen Fragen mit.

Am Ende sollen die Perspektiven und Fragen helfen, nicht nur eine objektive Beschreibung von Teilen einer Spur zu erstellen, sondern eine Geschichte über das Tier zu erzählen. Was können wir aus den hinterlassenen Spuren über das Tier selbst und seine Verhaltensweisen lernen? Und wie hilft uns das für unsere nächste Spur?

Für mich schloss das Thema wunderbar passend an das spannende Büchlein an und so dachte ich noch beim Einschlafen über die Thematik des Trailings und deren Vorgehen nach. Außerdem hatte sich mein Fuß mittlerweile deutlich erholt und so hoffte ich darauf, den letzten Tagesausflug morgen wieder mitmachen zu können…

Lust, direkt weiterzulesen? Ab zu Tag 12!


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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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