An einem frühen Morgen im Nationalpark in Südafrika waren wir auf unserer Monitoring-Fahrt unterwegs, als wir um eine Kurve bogen und unsere Fahrerin plötzlich anhielt und den Motor abstellte. Nachdem ich grade in eine andere Richtung geschaut hatte und es nun wieder komplett dunkel war, konnte ich nur lauschen. Ein tiefes, dunkles Schnaufen kam von direkt neben der Straße und verbreitete ein Gefühl von Ruhe und Gemütlichkeit. Wir ließen uns dann langsam an den beiden ruhenden Nashörnern vorbeirollen und konnten sie als grobe Schemen in der Dunkelheit ausmachen, wie sie da in der Wiese lagen und sich ausruhten.

Nashörner, die auf den ersten Blick friedlich und ruhig wirken, können aber tatsächlich sehr gefährlich sein, wenn man ihnen als Mensch zu Fuß begegnet. Selbst vom Auto aus sollte man ihnen ihre Ruhe lassen und sie nicht stören, da mit diesen massigen Tieren nicht zu scherzen ist, wenn sie sich einmal in Bewegung gesetzt haben. Auch deswegen sind sie Teil der „Big Five“ Südafrikas, also der gefährlich zu jagenden Arten, die heute häufig auch einfach als Ziel für eine Fotosafari ausgesucht werden.

(© Cornelia Hebrank, 2024)
Diese Tiere geben aber auch ein schönes Fotomotiv ab, wie hier die Mutter mit ihrem schon etwas größeren Kind nach der Enthornungsaktion (© Cornelia Hebrank, 2024)

Insgesamt gibt es aktuell noch fünf verschiedene Nashorn-Arten, von denen drei in Asien vorkommen und zwei in Afrika. Tatsächlich geht es den afrikanischen Arten aus Naturschutzsicht besser als den asiatischen Arten, von denen zum Teil nur noch einzelne Individuen übrig geblieben sind. Leider heißt das aber nicht, dass es den anderen beiden Arten viel besser geht, auch diese sind streng geschützt und vom Aussterben bedroht. Schauen wir uns die beiden Arten also mal genauer an.

Breitmaulnashörner – stetig am Grasen

Immerhin sind die deutschen Artennamen schon recht vielsagend. Das breite, stumpfe Maul des Breitmaulnashorns ist auf das Fressen von Gras ausgelegt, welches es gemütlich in ganzen Büscheln abfressen kann. Daher halten sich diese Nashörner gerne in Gebieten mit offenen Grasflächen und wenig Wald auf, sodass sie deutlich leichter zu finden sind als ihre Schwesterart.

Da man sich in diesen offenen Bereichen leichter bewegen kann, sind diese Tiere die größere Art und haben damit auch das größere vordere Horn. Ja tatsächlich haben Nashörner zwei Hörner, die beim Breitmaulnashorn recht unterschiedlich groß sind: das vordere, das sofort auffällt, ist lang, während das hintere im Vergleich dazu fast nur ein Hubbel ist. Doch trotz ihrer Größe und dem Horn bleiben Breitmaulnashörner meist ruhig und teilen sich sogar Gebiete, solange genug Futter für alle vorhanden ist. So findet man durchaus auch mal kleinere Gruppen dieser Tiere, die gemeinsam am Grasen sind.

Wenn man auf der Suche nach Nashornspuren ist, dann findet man häufig große, kreisrunde Flächen, auf denen ihr Dung verteilt und platt getreten ist. Diese sogenannten Middens sind eine Art von Treffpunkten, an denen besonders die männlichen Tiere aktiv urinieren und ihren Kot hinterlassen, um ihren Territorialanspruch bekannt zu machen. Aber auch weibliche Tiere hinterlassen hier ihre Spuren und können dann von den Männchen leichter gefunden werden. Interessant ist hierbei auch, dass diese Plätze von Breitmaul- und Spitzmaulnashörnern gleichermaßen verwendet werden.

Diese „Austauschorte“ sind für die einzelgängerischen Tiere wichtig, da an sich nur Mutter und Kind längerfristig zusammenbleiben. Da Nashörner etwa vierzig Jahre alt werden können, brauchen die Jungtiere einige Jahre, bis sie ausgewachsen sind. Dabei beschreibt man die Stadien des Aufwachsens mit Buchstaben von A bis E, wobei A ein ganz junges Nashornkalb bedeutet und ein erwachsenes Tier als F bezeichnet wird. Insgesamt bleiben die Jungtiere gerne bis zu fünf Jahre bei ihrer Mutter, und solange kümmert sich diese auch um ihren Nachwuchs, was zu einer sehr langsamen Reproduktionsrate führt.

Breitmaulnashorn-Jungtier mit Mutter (© Cornelia Hebrank, 2016)
Dieses Jungtier ist zwar nicht mehr ganz frisch, wird aber noch eine ganze Weile von seiner Mutter begleitet werden (© Cornelia Hebrank, 2016)

Zusammen mit der starken Wilderei gab es dadurch eine Zeit, in der diese leichter zu findenden Breitmaulnashörner in einigen Gegenden Südafrikas praktisch ausgestorben waren. In einem groß angelegten Wiederansiedelungsprojekt wurden dann ab den 1960ern mehrere tausend Tiere in die verschiedenen Schutzgebiete überführt, sodass sich die Population bis heute wieder deutlich erholen konnte.

Aber nochmal kurz zurück zum Namen. Im Deutschen lassen sich die beiden Arten damit ja gut beschreiben, aber die englischen Namen basieren tatsächlich auf einer recht lustigen Gegebenheit. Im Englischen werden die Breitmaulnashörner White Rhinos genannt, obwohl natürlich beide Arten grau sind. Das kommt von der Bezeichnung der Tiere auf Afrikaans, der Sprache der Nachkommen der niederländischen Kolonie in Südafrika, auf der die Tiere analog dem deutschen Namen nach ihrem „weiten“ Maul benannt waren. Das wurde scheinbar auf English fälschlich als „weiß“ verstanden, sodass sich bis heute die englischen Artennamen als White Rhino und Black Rhino gehalten haben.

Spitzmaulnashörner – versteckt im Busch

Damit kommen wir zu den etwas gedrungeneren Spitzmaulnashörnern, die sich mit ihrem standardmäßig erhobenen Kopf und den beiden ähnlich langen Hörnern an den dichten Busch angepasst haben. Mit ihrer spitz zulaufenden Schnauze können sie auch trotz der afrikanischen Dornen gut Blätter von den Sträuchern und Bäumen abzwicken, was eindeutig erkennbare schräge Bruchkanten an den Ästen zurücklässt.

Spitzmaulnashorn
Bei diesem Prachtexemplar sieht man die andere Kopfform und den schmaleren Körperbau, mit dem das Spitzmaulnashorn besser durchs Gebüsch kommt (© Cornelia Hebrank, 2016)

Wenn man diese Art von Spur bei einer geführten Safari zu Fuß findet, dann ist das allerdings gar kein gutes Zeichen. Spitzmaulnashörner sind nämlich als ziemlich aggressiv bekannt, sodass man ihnen lieber nicht zu Fuß begegnen möchte. Und auch auf dem offenen Fahrzeug sollte man nicht auf sich aufmerksam machen, wenn ein solches beeindruckendes Tier in der Nähe ist.

Was das Ganze noch schlimmer macht, ist, dass sich diese großen, schweren Tiere wirklich leise durch den Busch bewegen und sich gut darin verstecken können. So kommt es gar nicht selten vor, dass sie einen überraschen und plötzlich unerwartet vor einem stehen. Damit sind sie aber auch deutlich schwieriger zu finden und auf der letzten Reise haben wir kein einziges dieser Tiere zu Gesicht bekommen.

Im Vergleich zu den Breitmaulnashörnern verteidigen die Spitzmaulnashörner ihre Territorien deutlich mehr und sind praktisch nur alleine unterwegs. Gerade wenn man etwas wählerisch beim Blätter rupfen ist, dann braucht man halt den ganzen Busch… Dadurch sind sie aber auch deutlich schwieriger zu schützen, da sie nicht ohne Probleme wie ihre Schwesterart auf größeren Farmen gehalten werden können.

Spitzmaulnashorn auf einer begrasten Ebene (© Cornelia Hebrank, 2016)
Diese Tiere durch die Landschaft laufen zu sehen, ist schon eine besondere Begegnung…
(© Cornelia Hebrank, 2016)

Bedrohung und Schutzbemühungen

An sich würde man bei diesen ruhigen oder versteckt lebenden Tieren erstmal nicht vermuten, dass Wilderei die größte Bedrohung für sie ist. Denn was haben Nashörner, wofür man sie umbringen sollte? Anders als beim Elfenbein der Elefanten lässt sich in diesem Fall die Ursache nicht mal logisch erklären, weil die Hörner des Tieres tatsächlich nicht aus irgendeinem besonderen Material bestehen. Sie sind vielmehr chemisch genauso aufgebaut wie unsere Fingernägel, nur halt deutlich größer.

Leider hält sich in einigen Regionen Asiens trotzdem hartnäckig der Glauben an die medizinischen Fähigkeiten dieses Stoffes. In der traditionellen Medizin wird geriebenes Nashorn-Horn für alles Mögliche herangezogen, vom einfachen Husten bis hin zur Krebsbehandlung – allerdings wurde nie irgendeine positive Wirkung davon nachgewiesen. Meiner Meinung nach wäre das auch echt schwierig, denn was soll in einem Pulver, das effektiv aus geriebenen Fingernägeln besteht, denn bitte heilsam sein? Persönlich würde ich das auch nicht essen wollen, aber na ja.

Vor einigen Jahren schlossen sich also einige Naturschutzorganisationen zusammen und starteten eine Aufklärungskampagne, um diese Mythen zu widerlegen und damit die Bedrohung für die Nashörner zu verringern. Das zeigte erst auch einen gewissen Erfolg und mittlerweile nutzen wohl weniger Menschen das Horn aus medizinischen Gründen.

Ein Breitmaulnashorn-Jungtier läuft vor seiner Mutter auf einem Weg entlang (© Cornelia Hebrank, 2016)
Eigentlich möchten die Nashörner doch auch nur in Frieden leben. Bei einer Begegnung strahlen sie eine besondere Ruhe aus und es ist wirklich traurig, wie wir Menschen mit diesen Tieren umgehen… (© Cornelia Hebrank, 2016)

Aber freut euch nicht zu früh. Denn statt dass die Nachfrage nun einfach abnimmt, hat sie sich nur verlagert. Aus für mich absolut unverständlichen Gründen hat sich das Wundermittel nun als Statussymbol und Aphrodisiakum in der reichen Oberschicht etabliert und wird weiterhin auf dem Schwarzmarkt erworben. Schließlich ist man scheinbar nur dann ein echter reicher Macker, wenn man sich so etwas für seine Partys leisten kann…

Entsprechend ist die Wilderei auf Nashörner leider immer noch oder wieder so stark wie je. Als ich letztes Jahr in Südafrika war, halfen wir bei der Rettungsaktion für ein verwaistes Nashorn-Junges mit (könnt ihr hier nachlesen), und dabei hörte ich ein Gespräch der Tierärztin mit anderen Helfern. Sie meinte, dass sie nicht zuordnen könne, welches Tier die Mutter gewesen sei, da im Busch zu viele Leichen von ermordeten Nashörnern liegen würden. Das hat mich damals schon tief getroffen.

Immerhin ist der Naturschutz sehr aktiv bei den Gegenmaßnahmen, sodass während unserem Besuch im Nationalpark dort auch eine groß angelegte Enthornungsaktion durchgeführt wurde. Dabei werden die Nashörner von einem Helikopter aus betäubt, sodass man sich ihnen am Boden nähern kann. Dort wird mit einer Kettensäge das Horn entfernt und sauber abgeschliffen, während andere Kollegen Daten zu dem Nashorn erheben. Das Horn wird dann an die entsprechende staatliche Stelle übergeben und das Tier kommt nach wenigen Minuten wieder zu sich und verschwindet im Busch.

Natürlich ist das nicht ideal. Es ist wirklich traurig, dass man diese beeindruckenden Tiere praktisch verstümmeln muss, um ihr Leben zu retten. Aber leider macht die Gier der Menschen es nötig. Mittlerweile gibt es auch schon die ersten Studien zu enthornten Nashörnern, die zeigen, dass sich die Tiere zwar etwas schlechter gegen Artgenossen mit Horn durchsetzen können, aber sonst kaum Einschränkungen zeigen. Und da sich das Risiko der Wilderei für die minimalen Hornreste nicht wirklich lohnt, haben diese Nashörner insgesamt deutlich bessere Überlebenschancen.

Der Haken an der Sache ist nur, dass so ein Horn in wenigen Jahren wieder nachwächst und sich daher wohl Naturschutz und Wilderei in einem ewigen Teufelskreis umeinander drehen werden. Aber zumindest aktuell sind damit die Nashörner etwas sicherer und das ist doch schonmal etwas.

Das Thema mit der Wilderei ist ein unleidiges und anstrengendes, aber auch hier ist Aufklärung ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Daher werde ich mich der Thematik in der Zukunft nochmal genauer annehmen. Erstmal geht es aber mit dem Einsatz von Technik im Naturschutz weiter, wo es natürlich auch einige Anwendungen gegen die Wilderei gibt. Ihr dürft also gespannt bleiben…


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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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