Nachdem wir uns nun schon einige größere Arten angeschaut haben, soll es diese Woche mal deutlich kleiner und unauffälliger werden. Im Gegensatz zu Wolf und Bär fällt es bei der Wildkatze praktisch gar nicht auf, wenn sie in unserer Umgebung lebt und unbemerkt ihre Mäuse und Kleinsäuger jagt. Aber auch sie hat es mit uns Menschen nicht leicht und ist daher in vielen Gegenden Europas stark bedroht.

Es ist auch gar nicht so einfach, eine Wildkatze in der freien Wildbahn zu finden oder zu erkennen. Die Tiere sind nämlich ziemlich scheu und sehen dann auch noch unseren Hauskatzen viel zu ähnlich… Warum auch das ein Problem für die Art ist und was ihr das Leben so schwer macht, das erkläre ich euch heute. Aber erstmal möchte ich euch die Geschichte erzählen, wie ich auf die Wildkatzen aufmerksam geworden bin.

Auf den ersten Blick sieht so eine Wildkatze wie ihre domestizierten Artgenossen aus, aber es gibt ein paar feine Unterschiede (© Cornelia Hebrank, 2024)

Ein Ausflug in die schottischen Highlands

Also eigentlich bin ich ja mehr ein Hunde-Mensch (was man auch an meiner Liebe zu den Hyänenhunden merkt), aber irgendwie haben es mir die Wildkatzen schon lange angetan. Es war sozusagen Tierliebe auf den ersten Blick damals, denn diese Kätzchen sind schon sehr niedliche Tierchen. Und sie hatten den Vorteil, dass ich sie im Rahmen einer Naturschutz-Summer School, also einem zweiwöchigen Universitätsprogramm in den Sommerferien, kennengelernt und direkt viel über sie gelernt habe.

Damals, noch vor meinem Masterabschluss, war ich für diese zwei Wochen in Edinburgh und wir machten einen Ausflug zum Highland Wildlife Park, um dort mehr über bedrohte schottische Tierarten zu lernen. Den kann man sich mehr wie ein Wildgehege als einen Zoo vorstellen (zumindest damals, das ist jetzt doch schon zehn Jahre her) und wir wurden direkt von unseren Professoren herumgeführt. Allein bei der Fahrt in den Norden war ich schon begeistert, weil die Highlands eine wirklich schöne Gegend sind und dort noch deutlich mehr natürliche Bereiche verbleiben.

Die schottischen Highlands haben ihren ganz eigenen Flair und bieten als relativ wilde Gegend einen guten Lebensraum für viele Arten (© Cornelia Hebrank, 2015)

Trotzdem waren die Tiere ein besonderes Highlight und gerade so kleine Raubtiere wie die Wildkatzen standen hoch auf unserer Wunschliste. Allerdings sind die Gehege im Park recht weitläufig und so stellten wir früh fest, dass wir wohl nicht alle Tierarten zu Gesicht bekommen würden – natürlich findet man die Hochlandrinder beim Grasen, aber die Füchse bleiben schnell mal versteckt. Wir hatten also keine allzu große Hoffnung, die Kätzchen erspähen zu können…

Doch wir hatten ein unglaubliches Glück! Unser Professor erklärte gerade, dass die vergitterten Gänge über unseren Köpfen eben für die Wildkatzen da waren, die gerne klettern und damit zwischen den verschiedenen Gehegeteilen wechseln können, als wir die erste sahen. Etwas unmutig eingerollt sah sie von oben auf uns herab, als wollte sie sich über das trübe und kühle Wetter beschweren.

Ein bisschen missmutig, aber trotzdem ziemlich putzig, diese Wildkatze im Highlands Park
(© Cornelia Hebrank, 2015)

Begeistert beobachteten wir sie und suchten weiter die Gänge ab. Und wir wurden fündig: in einem etwas breiteren Bereich waren drei aufgeweckte Kätzchen unterwegs und ließen sich in Ruhe anschauen.

Aber diese drei sind etwas wacher und neugieriger und erinnern doch direkt an die kleine, neugierige Hauskatze (© Cornelia Hebrank, 2015)

Am Ende hatten wir gar nicht so viel Zeit mit den Wildkatzen gehabt, aber irgendwas an ihrem Verhalten hielt mich einfach fest. Und auch ihr trauriges Schicksal, weswegen sie in Schottland in der Wildnis fast ausgestorben sind, ließ mich nicht mehr los. Schon damals war ich neugierig und wollte mehr über sie wissen.

Bedrohungen und Probleme

Gerade bei dieser eigentlich so unauffälligen und versteckten Art sollte man doch meinen, dass sie recht gut überleben kann – anders als ein Wolf oder Bär sorgt die Wildkatze nicht für Angst, wenn sie Kleintiere frisst, stört sie dabei auch niemanden und eigentlich ist sie auch niedlich genug, dass die meisten sie mögen sollten. Warum also geht es dieser Art so schlecht?

Einer der Hauptgründe ist wie so häufig das Fehlen von passenden Lebensräumen. Man sollte zwar denken, dass die Katzen nicht so viel Platz brauchen, aber sie streifen gerne umher und haben relativ große Territorien, sodass ein kleiner Wald nicht wirklich für sie geeignet ist. Außerdem müssen sich natürlich auch bei den Wildkatzen die verschiedenen Populationen austauschen können. Wenn eine Katze Junge bekommt, dann möchten die letzteren nach dem Aufwachsen abwandern und ihre eigenen Territorien finden und dafür brauchen sie Platz.

Nun ziehen diese Jungtiere also los und verlassen das Waldgebiet ihrer Eltern – nur um auf der nächsten Autobahn unter den Rädern zu landen. Denn wenn die Lebensräume für Wildkatzen nur noch in kleinen Stücken existieren, dann müssen die Tiere weit über Felder und bebautes Gebiet ziehen, bis sie wieder einen passenden Wald finden. Bei dieser Reise sterben immer wieder Wildkatzen und so werden es weniger…

Es ist schon schade, dass diese tollen Tiere so vielen Gefahren ausgesetzt sind und aktiv in Zoos und Parks gezüchtet werden müssen (© Cornelia Hebrank, 2025)

Aber selbst wenn wir optimistisch sind – sagen wir, unsere imaginäre Wildkatze hat es geschafft, die Autobahn und mehrere Straßen zu überqueren – dann ist sie leider immer noch nicht sicher. Sie sieht vielleicht schon den wunderbar natürlichen Wald am Horizont, doch davor muss sie sich noch durch ein Dorf schlagen. Und was wartet dort auf sie? Ein flinker, freilaufender Kater, der absolut an ihr interessiert ist.

Hier lauern nämlich zwei weitere Gefahren für die Art: die Wildkatze kann sich mit Krankheiten anstecken oder sich sogar mit Hauskatzen paaren, sodass es zur Hybridisierung kommt. Im ersten Fall kann sie leicht durch die Krankheit sterben, da sie offensichtlich nicht mal schnell zum Tierarzt gebracht wird. Und im zweiten Fall hat die Wildkatze selbst zwar nicht unbedingt ein Problem, aber ihre Nachkommen sind vermutlich schlechter an das Leben in der Wildnis angepasst und schwächen damit die gesamte Population.

So erklärt sich auch, warum Wildkatzen eine bedrohte Art und damit streng geschützt sind. Durch die dichte Besiedlung in Europa haben sie nur noch wenige Rückzugsorte und müssen sich immer mehr Gefahren aussetzen, einfach um leben zu können. Dabei sind Wildkatzen so schöne und spannende Tiere, die niemanden aktiv stören würden…

Mehr Natur und Schutzprojekte

Offensichtlich brauchen die Wildkatzen also unsere Unterstützung, um in dieser von Menschen dominierten Welt einen sicheren Platz zum Überleben zu finden. Am wichtigsten ist es dabei, den Lebensraum in passenden Wäldern zu erhalten und diese Gegenden mehr zu vernetzen, damit die Wildkatzen nicht in lauter kleinen Waldinseln „eingesperrt“ sind. Aber auch bei freilaufenden Hauskatzen muss man aufpassen, um die Hybridisierung und auch die Übertragung von Krankheiten so gering wie möglich zu halten. Und ich finde es immer wieder schön, kurze Updates über den Erfolg solcher Maßnahmen zu lesen.

Wir sollten uns definitiv bemühen, wieder mehr Lebensräume für die Wildkatzen zur Verfügung zu stellen – eine Raubtierart, mit der keine echten Konflikte zu erwarten sind, ist doch etwas Tolles, für das sich hoffentlich mehr Leute begeistern lassen. (© Cornelia Hebrank, 2024)

Besonders schön war es für mich, letztes Jahr wieder nach Edinburgh zu kommen und dort im Zoo mehr über den aktuellen Stand der Auswilderung in den Highlands zu erfahren. Mittlerweile gibt es im Highland Wildlife Park große, natürliche Wildgehege, zu denen die Besucher keinen Zugang bekommen und in denen Wildkatzen für die Auswilderung aufgezogen und betreut werden. Die Tiere kommen dann in den Caingorms Nationalpark, um dort die bestehende Population weiter zu unterstützen und zu sichern.

Damit das klappt, bekommen die gezüchteten Wildkatzen schon in der Gefangenschaft interaktive Herausforderungen (Enrichments) gestellt, um das Jagen und die Suche nach Futter spielerisch zu lernen. Viel davon ist zum Glück Instinkt, aber die Übung ist trotzdem wichtig. Wenn sie dann zum ersten Mal ihre Pfoten in die echte Wildnis setzen, werden sie dabei aktiv per Telemetrie beobachtet, um sicherzugehen, dass sie sich gut einleben. Und wenig später sind sie wieder wirkliche Wildkatzen und auf sich gestellt.

Natürlich gibt es auch in anderen Gegenden solche Programme, um die lokalen Populationen von Wildkatzen zu sichern – beispielsweise bei uns in Deutschland. Nicht immer geht es dabei vorrangig um Auswilderungen, denn auch der Lebensraum für die Katzen muss sinnvoll vorhanden sein. Daher haben wir einige Projekte, wie das der Deutschen Wildtier Stiftung, bei dem es darum geht, durch direktes Monitoring herauszufinden, welche Lebensräume von den Wildkatzen besonders gerne genutzt werden. Dort lassen sich dann Überquerungshilfen über Schnellstraßen platzieren, damit gute Habitate sicher verbunden sind und die Tiere unbeschadet nach Artgenossen suchen können.

Trotzdem gibt es natürlich noch viel zu tun, um diese vom Aussterben bedrohte Art zu schützen. Wenn ihr in einer Region mit Wildkatzen lebt und selbst eine Katze habt, die auch raus darf, dann könnt ihr aktiv mithelfen: wenn euer Kater sterilisiert ist, dann vermeidet das weitere Hybridisierung mit Wildkatzen, und durch die gängigen Impfungen helft ihr auch mit, Krankheiten nicht weiter zu verbreiten. Denn wir möchten doch diese putzigen wilden Schwestern unserer Haustiere nicht verlieren, oder?


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Frau mit Telemetrie-Equipment (© Sebastian Sperling, 2024)

Ich bin Conny und aktiv im Naturschutz unterwegs. Mit meinem Hintergrund in Biologie und Informatik schreibe ich über verschiedene Themen, die mir wichtig sind und die mir Spaß machen.

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